Nach ausgiebiger Übung in und um Bremerhaven und der Testwanderung in der Schweiz und um Rothenburg ob der Tauber, haben Olli und ich im April diesen Jahres den Französischen Weg unter unsere Stiefel genommen. Ich stelle hier mein Tagebuch vor.

Das Tagebuch des Jakobsweges vom 29. März 2006 bis 27. April 2006

von Wolfgang Becker

mit Daten von Bernard Olszewski

In meinem Tagebuch werden keine religiösen Themen auftauchen, da ich diese Wanderung aus rein sportlicher Motivation angetreten habe. Wie sich im Laufe der Wanderungen herausstellte, wurde es dann auch eine rein sportliche Angelegenheit, da ich mich zu Anfang wegen der Blasen an den Füßen und später wegen der teilweise sehr schlechten Wegbeschaffenheit auf das Laufen an sich konzentrieren musste.

Trotzdem: Außer einer großen Jakobsmuschel, die mir Jens Schmidt auf den Weg mitgegeben hatte, war die einzige gegenständliche Mitgabe eines Angehörigen oder lieben Freundes eine e-mail von Christine die in meinem Tagebuch vor der ersten Seite lag.

Sie gab uns Folgendes mit auf den Weg:

Gott sei mit euch

beim Anbruch eines neuen Morgens,

dass ihr gespannt und erwartungsvoll

dem entgegenblickt,

was euch dieser Tag abverlangt

und was er euch schenken will.

Wir haben diese guten Wünsche manchmal gebraucht.

29.03.2006

Stotel – Bremerhaven – Hamburg – Toulouse – Oloron Ste Marie

Ich habe schlecht geschlafen – war wohl aufgeregt. Auf jeden Fall war ich um 04.50 Uhr bei Olli und es ging gleich los. Seine Nachtruhe war ähnlich meiner gewesen. Um 06.50 Uhr waren wir in Hamburg-Fuhlsbüttel auf dem Parkplatz 8. Mit dem Shuttlebus gelangten wir zum Terminal. Eine SMS über den Standort des Fahrzeuges wurde an Kathrin geschickt. Danach checkten wir ein. Mein Rucksack war Sperrgepäck. Wenn die Dame mir rechtzeitig gesagt hätte warum, hätte ich auch den Regenüberzug benutzt. Das Flugzeug hatte Verspätung und war nicht voll besetzt. Um 10.50 Uhr hoben wir endlich ab. Billigflieger haben außer nettem Personal keinen Service. Den brauchten wir auch nicht, da wir in Hamburg noch einen Kaffee getrunken hatten und zwei Stunden ohne Nahrungsaufnahme durchaus möglich sind. Für ein Baguette mit Getränk und einem kleinen Tütchen Erdnüsse € 6,- zu bezahlen, war uns auch zu teuer. Schließlich mussten wir uns auch an karges Leben langsam gewöhnen. Der Pilot versprach uns für Toulouse gutes Wetter und 14 Grad Celsius. Die Verspätung wurde nicht aufgeholt, was sich bei der Ankunft am Bahnhof auch als nicht mehr relevant erwies. Die Bahnarbeiter in Frankreich streikten. Uns wurde eine Fahrkarte bis Pau angeboten und ein Bus ab 18.30 Uhr. Bis zu dieser Zeit hatten wir mit unserem Gepäck schon mal Trageversuche gemacht und sind in die Stadt gegangen. Ein kleiner Stadtplan war schnell organisiert und unser Weg führte zur Basilika. Dort holten wir unseren ersten Stempel auf dem diesjährigen Jakobsweg.

Ab 18.00 Uhr standen wir in der großen Menge der Fahrgäste nach Pau. Der erste Bus hatte eine Ankunftszeit von 23.30 Uhr. Aufgrund der abzufahrenden Haltestellen musste er alle Bahnhöfe bedienen. Der zweite Bus sollte eine andere Strecke fahren und wäre um 22.05 Uhr dort gewesen. Wir verständigten uns, das Olli seine Einzelkämpferfähigkeiten nutzen und Plätze im ersten Bus sichern sollte, während ich die Rucksäcke verstaute. Die große Menge der wartenden Fahrgäste veranlasste uns beim ersten Bus anzufangen. Trotz aggressivstem Einsatz war dieser und der zweite Bus voll, bevor wir überhaupt reagieren konnten. Also hieß es: warten auf den angekündigten Ausweichbus. Mittlerweile hatte ich bei Gerard in Oloron Ste Marie angerufen und ihn darüber in Kenntnis gesetzt, dass wir später eintreffen. Unser Bus fuhr dann um 19.10 Uhr. Der Fahrer teilte uns mit, dass er über Lourdes fahren würde, aber eine kurze Strecke habe. Wir haben uns beruhigt zurückgelehnt und das Beste gehofft. Wir sollten in ungefähr zwei Stunden in Pau ankommen. Nach einiger Zeit stellte sich heraus dass unser Fahrer schlechte Ortskenntnis und noch schlechtere Beleuchtung am Fahrzeug hatte. Dank einiger resoluter älterer Herren in den ersten beiden Sitzreihen konnte er immer wieder auf den richtigen Weg gebracht werden. Bis zur Dunkelheit war die Fahrt interessant: Blühende Kirschbäume, grüne, fette Wiesen und Weiden und voraus und links querab die schneebedeckten Berge der Pyrenäen. Um 22.30 Uhr war der Bus dann endlich in Pau. Einen Anschluss nach Oloron hatten wir schon nicht mehr in Erwägung gezogen und uns daher gleich auf das erste Taxi gestürzt, das in den Parkbereich einfuhr. Selbstverständlich zogen wir uns den Unmut eines anderen wartenden Fahrgastes zu, aber nach einem derartigen Tag war uns das egal. Mit Unterstützung meines Mobiltelefons und einem erneuten Anruf bei Gerard, der dem Taxifahrer den Weg in der Stadt erklärte, waren wir dann gegen 23.40 Uhr in der Maison Guerralaroque, vor der Gerard in Bademantel und Schlappen auf uns wartete. Er hatte uns noch eine Pizza gemacht und mit einer Flasche Wein aufs Zimmer gestellt. So konnten wir diesen ersten Tag unserer Pilgerwanderung auch noch mit ein wenig Genuss abschließen. Gegen 00.30 Uhr sind wir dann zufrieden, die erste Etappe doch noch glücklich gemeistert zu haben, zu Bett gegangen.

30.03.2006 1. Wandertag

Oloron Ste Marie – Canfranc-Estacion – Jaca 25 km

Wir sind um 07.30 Uhr aufgewacht, das sollte für die nächsten Wochen annähernd unsere Standartzeit werden. Bei Gerard in der Küche gab es ein gutes Frühstück. Er war wieder, oder noch immer, in seinem Bademantel und gab uns noch ein paar Tipps für den weiteren Weg. Wir sind anschließend mit unseren Rucksäcken zum Fluss hinunter und auf der anderen Seite wieder hoch zur Basilika bzw. auf den Burgberg gewandert.

Dieses Auf und Ab sollte uns in den nächsten Wochen häufiger begleiten. Am Bahnhof angekommen, eröffnete mir der Beamte am Fahrkartenschalter, dass eine Fahrt zum Somport-Pass wegen Bauarbeiten nicht möglich 

sei. Zum Glück fuhr der Bus aber nach Canfranc-Estacion in Spanien, so dass wir lediglich auf fünf Kilometer und den “Hochstart“ verzichten mussten.

Abfahrt war um 09.50 Uhr. Wir waren die einzigen Fahrgäste und hatten einen sehr redseligen Fahrer; nur verstanden haben wir kaum etwas. Erstens wegen unseren sehr mangelhaften Sprachkenntnissen und zweitens wegen seines extremen Dialektes. Die Landschaft ist sehr schön und wir haben die Fahrt sehr genossen; sollte sie doch für lange Zeit unsere schnellste Fortbewegung sein. In Urdos, vor dem Anstieg in die echten Berge, wurden wir von der Polizei kontrolliert, die unsere Daten vermutlich weitergaben, denn vor der Tunneleinfahrt meldete der Fahrer einem weiteren uniformierten Beamten einen Bus mit drei Personen.

 

Um 11.10 Uhr waren wir am Ziel und gingen gleich zügig los. Der Weg war gut ausgeschildert, die ersten gelben Pfeile wurden gleich erkannt. Die ersten Kilometer sind wir auf dem vorgegebenen Weg am Fluss durch ein schönes enges Tal gegangen. Als die Feuchtigkeit den Untergrund schmierig und rutschiger machte, sind wir für die letzten Kilometer auf die sichere Straße ausgewichen. In Canfranc Pueblo war die Herberge geöffnet und wir kamen zu unserem ersten Stempel des Tages.

Im leichten Nieselregen erreichten wir um 16.30 Uhr die städtische Herberge von Jaca. Wir waren die einzigen Gäste, bekamen aber trotzdem von der Hospitalera unsere Schlafplätze in den Holzkojen zugewiesen. Nach Duschen und Wäsche aufhängen sind wir losgegangen, um in einer Tienda Nudeln und Tomaten für das erste Pilgerabendbrot zu kaufen. Vorher haben wir aber das erste marineobligatorische Einlaufbier getrunken. Nach dem Kochen und Abendessen haben wir unser Tagebuch geschrieben.

 

 

 

31.03.2006                           2. Wandertag

 

Jaca – Arres                                   27 km

 

Wir sind gegen 07.30 Uhr ohne Wecker aufgewacht. Zum ersten mal erfolgte das Ritual für die nächsten Wochen: Badezimmer – Rucksack packen – losgehen. Heute aber, weil wir alleine waren, bereiteten wir erst noch in der Küche eine Hühnerbrühe zu, die wir aus unseren Blechtassen tranken. Die eigenen Brühwürfel brauchten wir nicht zu nutzen, weil in der Küche ziemlich viele Reste vorhanden waren. Dieses sollte sich in vielen Herbergen auf dem Weg fortsetzen. Wenn man eingekauft hat und nicht alles braucht, bleibt es für Notfälle nachfolgender Pilger zurück. Nicht immer hat der Pilger rechtzeitig eingekauft oder einkaufen können und ist dankbar für ein paar Nudeln, wenn er erst spät eintrifft.

 

 

Unser Frühstück hatten wir in einer Fernfahrerkneipe anvisiert, die in unserem Pilgerführer als außerhalb der Stadt gelegen beschrieben war. Nur, als wir außerhalb der Stadt waren, gab es keine Fernfahrerkneipe. Erst da fiel uns die Tankstelle mit einer Bar am letzten Straßenkreisel ein. Also mussten wir die erste Pause nutzen und die Notration schon angreifen: Bundeswehr-Schokolade aus einem EPA. Dann hatten wir auch schon den ersten Bachübergang auf Trittsteinen zu bewältigen. Zur zweiten Pause um 12.00 Uhr waren wir schon in Sta. Cilia de Jaca. Dort haben wir in einer Bar unseren ersten Cafe grande con Leche (CcL) genossen und machten uns nach einer viertel Stunde schon wieder auf den Weg. Durch plötzliche Schatten über uns, wurden wir auf Milane aufmerksam, die uns Eindringlinge in Ihren Revieren beobachteten und auch sehr dicht anflogen. Wir sahen die ersten von Pilgern angelegen Steinmännchen und immer wieder große Schilder mit Hinweisen auf den Camino de Santiago damit auch die Autofahrer auf der Nationalstrasse sensibilisiert werden, – schließlich verläuft ein großer Teil des Weges neben der Strasse. Um 13.30 Uhr waren wir plötzlich schon in Puente la Reine de Jaca. Dort gingen wir über die Brücke in eine Bar für den CcL und ein Wasser. Als wir wieder zurückgingen und gerade auf Brückenmitte waren geschah folgendes:

 

Auf dem Parkplatz vor der Brücke stieg aus einem Auto ein Mann und rief etwas, das wir nicht verstanden. Ich antwortete, “no hablo espanol”, worauf er in englisch fragte: “Has anybody of you wrote in the guestbook of my webcam in Jaca?” “Yes of course, that’s me“, war das einzige was ich überrascht stammeln konnte. In der Vorbereitung unserer Pilgertour hatte ich natürlich das Internet nach allem, was nur annähernd den Begriff Jakob beinhaltete, durchsucht. Dabei war ich häufig auf einer Seite einer Webcam in Jaca, die am 01. April geschlossen werden sollte. Weil ich gerade auf dieser Kamera immer wieder die schneebedeckten Pyrenäenberge, aber ansonsten grüne Wiesen und die trockene Strasse sehen konnte, hatte ich mich im Gästebuch beim Betreiber bedankt und geschrieben, dass er uns durch diese Wettervorhersage den Einstieg erleichtere, weil wir am 31.03.2006 in Jaca starten wollten. Er hat sich dies gemerkt und vormittags in Jaca zwei Leute mit großem Gepäck gesehen. Seine Folgerung, dass wir vielleicht die beiden Deutschen seien und dann das Treffen in Puente la Reine de Jaca, wo er ein Haus baut und deswegen die Kamera in Jaca aufgibt, erwies sich als zutreffend. Kurzes Gespräch, die Welt ist klein, seine und unsere Wünsche, Abschied und weiter ging unser Gang von der Straße ab auf einen rauen Weg leicht bergab.

 

Nur noch drei km bis zu unserer nächsten Herberge. Ich hatte auch schon leichte Druckschmerzen am linken Fuß und war ganz froh, dass es nicht mehr so lange sein sollte. Diese letzten Kilometer waren trotz des schmalen Weges und der stetigen Steigung sehr schön. Stechginster und Krüppelkiefern wechselten sich mit Heide ab. Wir gelangten nach Arres, einem verlassenes Dorf, das mittlerweile durch die Pilgerherberge und eine Bar wieder bewohnt wird. Einige Häuser werden renoviert und in ein paar Jahren wird es wieder wie früher sein. Nur mit dem Unterschied, dass dann die Haupteinnahmequelle der Bewohner durch die Pilger gedeckt werden soll.

 

Wir haben uns vor der Herberge auf die Steinbank gesetzt und gedacht, dass wir zu früh sind und auf die offizielle, in allen Publikationen genannte Öffnungszeit von 16.00 Uhr, warten müssen. Wir hatten unsere Wasserflaschen noch nicht ausgepackt, als die Tür geöffnet wurde und ein Mann sich als Hospitalero mit dem Namen Miguel vorstellte. Er nahm uns sofort auf und erklärte die Regeln. Schuhe ausziehen, gemeinsames Vor- und Zubereiten des Abendbrotes und anschließendes Abwaschen. Dann kam er mit einem Krug kühlen Wassers und zwei Gläsern. Wir haben nicht abgelehnt, ihn aber nach einem Bier gefragt. Er ist in das Nebenhaus gegangen und die dort wohnende Dame hat uns in der Bar bedient. Leider konnten wir mit den kleinen Flaschen nicht viel anfangen und haben gegen unseren Durst doch lieber sechs Fläschchen gekauft. Miguel hat uns dann geraten zu duschen und die Wäsche in die noch wärmende Sonne zu hängen, damit sie vor Einbruch der Nacht noch trockne. Vieles muss man in den ersten Tagen der Wanderung noch lernen. Nach dem Duschen hatte ich die ersten Blasen am linken Fuß zu behandeln, aufzustechen und abzukleben. Interessant ist, dass Miguel nur spanisch spricht, und wir uns nett unterhalten haben. Wir hatten sogar verstanden, dass er uns anbot, mit seinem Auto (Coche) nach San Juan de la Pena zu fahren, um das dortige Kloster zu besuchen – ein beeindruckender Bau unter einer Felswand mit sehr interessanten Bildern und archäologischen Ausstellungen.

 

Danach haben wir das Abendbrot zubereitet und uns von der “Barfrau“ noch mit einer Flasche Wein versorgen lassen. Abendbrot war tipico espanol: Eine große Schüssel Salat auf den Tisch und jeder bedient sich. anschließend ein Topf mit Reis, Gemüse und Hähnchenkleinteilen. Als Nachtisch ein Cafe solo oder ein Stück Obst. Danach Abwasch und Zusammensitzen. Wieder waren wir die einzigen Gäste und haben von Miguel noch viele Informationen erhalten. Um “halb“ sind wir dann auf Miguels Drängen zu Bett gegangen. In der folgenden Zeit unserer Wanderung wurde es nie mehr so spät.

 

 

 

01.04.2006                           3. Wandertag

 

Arres – Undues de Lerda                    27 km

 

Frühstück um 07.30 Uhr. Abwaschen brauchten wir nicht da Miguel Großreinschiff machen musste. Am nächsten Tag sollte er nach vier Wochen Dienst von einer deutschen Hospitalera abgelöst werden. Bevor wir abmarschierten, hat er um 08.05 Uhr noch ein Foto von uns gemacht.

Dann ging es durch die atemberaubende Landschaft Aragons weiter Richtung Westen. Die Badlands sind wirklich beeindruckend. Am Stausee des Yesa entlang wanderten wir auf einer Strasse, die fast nicht befahren wird, Richtung Ruesta. Es war das zweite verlassene Dorf innerhalb kurzer Zeit. Dort ist eine anarchistische Gewerkschaftsgruppe seit einigen Jahren aktiv und hat ein Tagungszentrum mit Restaurant und eine Herberge aufgebaut. Alle anderen Gebäude sind schon sehr stark verfallen. Auf der Terrasse des Restaurants saßen zwei junge Frauen, die ihre Schuhe ausgezogen hatten und die Füße in die Sonne hielten. Olli, wie üblich, “Grüß Gott“ und es stellte sich heraus, dass sie einen Tag vor uns in Arres übernachtet hatten. Wir haben ungefähr 1,5 l Wasser getrunken und sind dann weiter gegangen. Der folgende Weg war anstrengend aber schön. Eineinhalb Stunden ging es nur bergauf durch lichten Waldbestand in guter Sonne. Der große Wasserkonsum während der Pause machte sich positiv bemerkbar.

 

Nach einer Trinkpause in 880 m Höhe wurden wir beim Aufnehmen der Rucksäcke fast von einer Talwindböe umgerissen. Aber die Belohnung kam noch. Nach einer Stunde nur bergab, auf staubigen Feldwegen und ganz altem Pflaster, vermutlich ein original mittelalterlicher Pilgerweg, waren wir in Undues de Lerda. Dieses Dorf hatte keine verlassenen Häuser und ist sehr gut renoviert. Seltsamerweise haben die Spanier eine Vorliebe für Beton. Dorfstrassen, Hausvorplätze und Ortsmittelpunkte: Alles wird mit Beton versiegelt. Die Blumen stehen in großen Töpfen oder Blechkanistern vor dem Haus. Die Herberge befindet sich in einem großen Haus neben der Kirche. Eine Etage Jugendherberge mit Küche und weiterem Komfort. In der anderen Ebene die Schlafräume für die Pilger. Wir haben uns in der Bar nebenan gemeldet, registrieren lassen und nach dem Abendessen erkundigt. Die Dame wollte aber ihre Herberge schließen, da sie krank sei. Pollenallergie stellte sich nach Erfragen des Grundes heraus. Sie war aber bereit, uns nach dem Einlaufbier noch eine Flasche Wein und ein Bocadillo con Jamon als Abendbrot zu verkaufen. Dieses riesige Weißbrot mit leckerem Schinken war nur mit Mühe zu “vertilgen“. Anschließend mussten wir einen langen Spaziergang durch das Dorf machen und die alten Türen und Hoftore begutachten.

 

Wir hatten  der Hospitalera noch die beiden jungen Frauen angekündigt und haben den von ihr beschriebenen Weg zu ihrem Wohnhaus gesucht. Die Damen kamen spät abends auch noch an, hatten sich aber im Dorf durchgefragt und von der Hospitalera auch noch ein bescheidenes Abendbrot bekommen. Da wir die einzigen Gäste waren, konnten wir uns auf allen Zimmern verteilen und hatten jeder ausreichend Platz. Ich bin in der Nacht ein Zimmer weiter gezogen. In den folgenden Nächten habe ich dann vorsorglich die Ohrenstopfen “eingeschraubt“ und brauchte nicht mehr auszuweichen.

 

 

 

02.04.2006                           4. Wandertag

 

Undues de Lerda – Monreal                          40 km

 

Zum Frühstück um 07.30 Uhr haben wir Ollis Tauchsieder eingeweiht. Dazu wurden Gemüse-Brühwürfel von Aldi in der Blechtasse mit Wasser erhitzt. Kein schlechtes Frühstück. Dann habe ich meinen Rucksack erleichtert: eine Wanderhose angezogen und die alte Jeans, den schwarzen Aldi Pullover sowie die schwere Rolle mit dem silbernen Gewebeklebeband zurückgelassen. Gewichtsersparnis bestimmt 1,5 kg. Mit Sonnenaufgang im Rücken ging es gegen 08.00 Uhr durch schöne Felder auf landwirtschaftlichen Wegen, die teilweise lehmig und klebrig von der Nachtfeuchte waren, Richtung Sangüesa.

 

Nach einer halben Stunde hatten wir die erste Provinzgrenze erreicht. Aragon verabschiedete sich und die Provinz Navarra begrüßte uns mit neuen Wegemarkierungen. Zusätzlich zur Jakobsmuschel begleitete uns nun auch noch ein gut leuchtender gelber Pfeil. Der Weg in die Stadt Sangüesa ist sehr lang, weil die Vorgärten sich sehr weit ausdehnen. Auf dem Marktplatz haben wir unseren Wasservorrat ergänzt und sind dann weiter. Der folgende Weg war recht beschwerlich weil es auf und ab ging und der Tau einfach nicht abtrocknen wollte. Der lehmige Boden tat ein Übriges. Vor dem Stiergut Olaz haben wir entschieden, nicht weiter auf dem klebrigen Boden zu gehen und sind auf die parallele Straße ausgewichen und nach Izco weiter gewandert. In der Bar kauften wir Wasser da der Brunnen nichts hergab. Danach mussten wir durch vier Täler und über drei Hügel mit viel Rindvieh auf den Höfen, bis Monreal in Sicht kam. Es war unklar, auf welchem Weg wir ins Dorf gehen sollten. Aber Olli findet immer die richtige Abzweigung. Über eine alte Pilgerbrücke kamen wir ins Dorf. Die Herberge war geschlossen. Also gingen wir nach nebenan in die Bar. Es dauerte einige Zeit bis die Betreiberin sich als gleichzeitige Hospitalera “outete“. Die Herberge war aber nicht geschlossen. Die Tür klemmt. Aus diesem Grund hatten wir aber schon ein Einlaufbier vor dem Duschen genossen. Wir konnten dann schon die Formalitäten erledigen und sind nach Begrüßung der anderen Pilger, Belegung der Betten, Duschen und Wäsche aufhängen an die “Carretera“ in ein Restaurant zum Abendessen gegangen. 20.30 Uhr war uns aber zu spät und so sind wir nach einem Bocadillo pequeno und ein paar Oliven wieder in die Bar zurückgekehrt. Dort saß die Dorfbevölkerung beim Fußball und an Spielbrettern. Wir haben uns eine Flasche Wein und eine Tüte Chips mitgenommen und sind in die Herberge zurück. Das Tagebuch musste noch geschrieben werden. Die weiteren Gäste waren ein Ehepaar aus Dissen a.T., ein Pilger aus Berlin, der vor uns in Arres übernachtet hatte, aber auf dem Weg nach Monreal einen Umweg nach Foz de Lumbier gemacht hatte, um die Geierkolonien anzusehen, und ein mürrischer älterer Spanier.

Belastungsblasen hatte ich mittlerweile an beiden Füßen. Außer Schmerzen hatte ich aber keine Marschleistungseinschränkungen. 130 km in vier Tagen mit 13 kg Gepäck müssen wohl so belohnt werden. In der Herberge soll sich der alte Kinosaal befunden haben. Sie ist auf jeden Fall gut renoviert, auch wenn nach oben alles offen ist und evtl. Kochdünste in den Schlafbereich ziehen.

 

 

 

03.04.2006                           5. Wandertag

 

Monreal – Puente la Reine                              31 km

 

Der mürrische Spanier ist schon um 06.00 Uhr los. Ich habe es nicht gehört, da ich ab 02.30 Uhr die Ohrenstopfen trug. Nachts war es sehr warm und ich habe die Gelegenheit genutzt, morgens um 07.00 Uhr unter die Dusche zu gehen. Vorher testete ich natürlich ob es warmes Wasser gibt. Nicht immer ist dies der Fall, da häufig in der Nacht das Gas abgedreht wird.

Eine Gemüsebrühe zum Frühstück, Wasser auf dem Elektroherd gekocht, und noch ein kleiner Plausch mit den Dissenern und dem Berliner. Um 08.00 Uhr liefen wir los. Bis nach Tiebas ging der Weg normal mit leichten Steigungen. Wir haben uns dann entschieden die alternative aber sehr gut ausgeschilderte Strecke zu nehmen. Zudem wurde durch große Hinweisschilder, nur für den Camino de Santiago, auf Umleitungen wegen der Bauarbeiten zum Canal de Navarra hingewiesen. Dieser Kanal ist ein beeindruckendes Bauwerk zur Bewässerung der landwirtschaftlichen Flächen. Es werden im Zuge dieses Baues auch einige Strassen neu angelegt. Leider verschwinden dadurch auch historische Führungen des Jakobsweges. Sehr staubig, aber auch trotz Baustellenverkehr sehr interessant. Macchiehaine, Eichen, Ginster, Heide und viele Blumen. In Muruarte de Reta konnten wir endlich die Autobahn unterqueren und wieder einen einsameren Weg einschlagen. Hügelauf und hügelab mit viel Sonne. Die Blasen an meinen Füßen waren Dank der Pflaster, die ich bei Lidl gekauft hatte, und der Compeed die Olli noch aus seinem Nijmegen-Fundus beisteuern konnte, keine Belastung. In Eneriz haben wir um 13.40 Uhr die erste große Pause gemacht, den Wasservorrat ergänzt und vor der Meson el Camino, einem Dorfrestaurant, zum ersten mal während des Tages etwas gegessen. Ein Bocadillo mit Käse und den üblichen CcL. Das Restaurant war voll mit Mittagsgästen: Bauarbeiter der umliegenden Baustellen.

 

Danach waren wir gut und schnell unterwegs Richtung Eunate. Am Weg sahen wir auch hier große Bauprojekte zur Bewässerung, die den Flüssen aber viel Wasser wegnehmen. Die Kirche der Einsiedelei war geschlossen und so konnte ich nur ein Foto des schön gepflasterten Innenhofes machen. In Obanos auf dem Marktplatz haben wir Philip, den Franzosen, getroffen. Er kam aus Roncesvalles und war seit zwei Tagen unterwegs. Ohne Kenntnisse der jeweils anderen Sprache haben wir uns aber gleich verstanden. Nach einer viertel Stunde waren wir dann auch schon in Puente la Reine und haben die Herberge der Patres Reparadores, gleich am Ortseingang, zur Übernachtung ausgewählt. Dort haben wir für € 5,– eingecheckt und sind nach Körper- und Fußpflege sowie Wäsche der Bekleidung in die Stadt marschiert.

Das Einlaufbier in eisgekühlten Bierkrügen, aus einer extrem kalten Zapfanlage lässt den Schaum leicht gefrieren. Gut durchgekühlt sind wir dann in durch den Ort und haben die berühmte Pilgerbrücke fotografiert und ein Türschild für einen Treff, der eigentlich für uns wie gemacht war. Auf dem Rückweg zum Refugio besorgten wir eine Flasche Wein, eine große Flasche Wasser und zwei Tomaten für die Zeit des Tagebuchschreibens.

Das Abendessen, ein Pilgermenü für € 9,– mit Wasser und Wein, war gut. Zurück in der Herberge haben wir versucht, mit dem Wäschetrockner die Restfeuchte aus der Wäsche zu entfernen. Ging aber überhaupt nicht. Die Trockner in Spanien haben bis Ende unserer Reise nie das deutsche Ergebnis erzielt. Während der Trockner lief, habe ich e-mails geschrieben und erste Kommentare von zu Hause gelesen. Hier haben wir auch zum ersten Mal Martin und Ronny gesehen.

 

 

Dann tauchte plötzlich eine angetrunkene Australierin auf, die unbedingt Schlafplätze tauschen wollte. Wie sich nach einiger Zeit herausstellte, wollte sie unbedingt neben ihrem frisch angetrauten Mann auf einer Ebene liegen und kam mit dem Etagenbett nicht klar. Wir sind alle standhaft geblieben und gingen gegen 22.30 Uhr schlafen.

 

 

 

04.04.2006                           6. Wandertag

 

Puente la Reine – Villamayor de Monjardin                29 km

 

Die Herberge haben wir um 08.05 Uhr verlassen und sind in die erste sich anbietende Bar zum Frühstücken gegangen. (Für die genaue Dokumentation der Zeit ist Olli zuständig, manchmal habe ich jedoch ein morgendliches Startfoto gemacht) Es war eher ein Cafe nach unserer deutschen Vorstellung. Brötchen und Croissants in großer Auswahl und der gute CcL. Er ist jedenfalls besser als Gemüsebrühe und durch die besondere Zubereitungsart in der Espressomaschine auch bekömmlicher. Der Weg aus der Stadt ist gut ausgeschildert. Wir mussten jedoch einige Umleitungen nehmen, da immer noch die Großbaustelle des Bewässerungskanals in der Nähe ist. Zum Glück waren die Wege trocken, so dass wir den Umleitungsempfehlungen des Wanderführers nicht zu folgen brauchten. Steil und staubig ging es in der Nähe der N 111 bergauf und bergab. Gegen Mittag waren wir in Lorca, wo wir am Dorfbrunnen unsere Wasservorräte ergänzten und Geier beobachteten. Tatsächlich Geier. Mit bloßem Auge als Gänsegeier zu erkennen. Fotos machen ist nicht einfach, hat aber irgendwie doch geklappt. Außerdem nisten überall, wo es möglich ist, Störche. Unterwegs kamen wir am ersten Gedenkstein für eine verstorbene Pilgerin vorbei, weitere sollten auf dem Weg folgen.

Nach Unter- und Überqueren der Autobahn kamen wir nach 19 km in Estella Lizarra um 13.00 Uhr an. Unsere Mittagspause bestand aus Tomaten und Brot. Es folgte ein leichter Weg aus dem Ort hinaus zum Kloster Irache. Dort hat die klostereigene Kellerei eine Zapfanlage für Pilger eingerichtet. Videoüberwacht, damit kein Unsinn gemacht wird, kann der Pilger sich dort Wasser und WEIN zum eigenen Bedarf abfüllen. Wir haben nur einen kleinen Schluck probiert und eine unserer 0,33 l Flaschen gefüllt.

Erwartungsschwanger sind wir dann weiter, weil in dem gelben Buch nichts Klares über die Beherbergung zu dieser Jahreszeit in Villamayor de Monjardin dokumentiert ist. Gleich am Eingang des Ortes, nach einer knackigen Steigung, verheißt ein großes Schild: „Refugio“ und ein älterer Herr saß davor in der Sonne.

Vier doppelstöckige Betten in zwei Räumen ungefähr 10 Matratzen und zwei Duschen und Toiletten. Wir dachten: „Das ist es“ und haben uns eingemietet. Der Vorraum ist auch gleich der Aufenthaltsraum, sauber und ordentlich und mehr braucht der Pilger nicht. Es stellte sich aber heraus, dass dies nicht die beschriebene Herberge war. Macht aber nichts, wir sind genügsam. Außerdem waren außer uns nur wenige Gästen dort. Dadurch gingen nachts nicht so viele auf die Toilette, die sich in einem Nebenraum gleich neben meinem Ohr befand.

Wir konnten unsere Wäsche neben der Kirche auf Leinen trocknen, haben einen Rundgang durch den Ort gemacht und die andere Herberge gesehen, die am gleichen Tag erst geöffnet hatte. Um 16.30 Uhr warteten wir vor der Bar Illaria auf das Ende der Siesta, um das Einlaufbier zu trinken.

Die Blasen an den Füßen sind keine Belastung mehr. Der Rücken hat sich an das Gepäck gewöhnt und acht Stunden wandern läuft auch schon fast problemlos. Die Stundenleistungen aus Bremerhaven sind natürlich hier nicht zu erreichen, aber das wollen wir auch nicht. Für das Abendessen hatte der Hospitalero uns in der einzigen Bar im Ort angemeldet. Um 19.30 Uhr waren alle Gäste unserer Albergue vor Ort: Andre der Belgier, Philip der Franzose und ein Japanischer Katholik, der sehr leise und unverständlich englisch sprach und total verschüchtert war, weil Andre ihn immer mit Yamamoto ansprach.

Das Pilgermenü war interessant. Es gab einen guten gemischten Salat und anschließend gebratene Hühnerunterschenkel. Dann stellte die Wirtin noch einen Topf mit einer Art Rindergulasch mit Kartoffeln auf den Tisch. Für uns fünf Leute zwei Flaschen Wein und eine Karaffe Wasser. Die Hauptsprache während des Essens war eine Mischung aus Spanisch, Englisch und Französisch. Was der Japaner außer seinem Weg noch vorhatte, konnte nicht erschöpfend geklärt werden. Nach dem Essen haben wir noch mit dem Hospitaleroehepaar zusammen gesessen und eine Flasche Wein getrunken. Dann musste unser Klosterwein noch dran glauben und gegen 22.00 Uhr sind wir dann zu Bett gegangen.

Der Japaner, tagsüber zurückhaltend, hat dann die letzten Zweifel ausgeräumt er wäre ein ruhiger Mensch. Sein Schnarchen hat alle wach gehalten. Ab 04.00 Uhr wurden die Toiletten benutzt und meine Ohrenstopfen haben wieder treue Dienste geleistet.

 

 

 

05.04.2006                           7. Wandertag

 

Villamayor de Monjardin – Logrono                 39 km

 

Die Hospitaleros waren früh auf den Beinen und haben uns ein Frühstück bereitet. Sie hat auf der einzigen Elektrokochplatte mit der großen Espressokanne den Kaffee gekocht. Er benutzte diese Platte anschließend um das Brot zu rösten – riecht gut und weckt auf. Nach dem Frühstück mit Marmelade und zusätzlichen Butterkeksen ausgestattet sind wir dann gegen 07.20 Uhr losgegangen.

Die aufgehende Sonne im Rücken in den Tag marschieren macht Spaß. Leider nicht so sehr mit schmerzenden Füßen. Am rechten Fuß spüre ich die große Blase nicht mehr, dafür aber den kleinen Zeh. Wie sich abends heraus stellen sollte, war es nur ein ganz kleines Bläschen. Der linke Fuß macht da mehr Probleme. Unter dem Ballen drückt es sehr und jeder kleine Stein schmerzt. Wenn der Weg eben ist, läuft es ganz gut. Nur fällt nach jeder Pause das “anlaufen“ schwer. Trotzdem sind wir gut unterwegs gewesen und haben die einzelnen Tagesziele gut erreicht. Die Strecke ist teilweise eben, hat aber auch kleine Steigungen mit entsprechenden Abhängen. Das ist jedes Mal eine neue Belastung für die Füße. Leider gibt es wenig Schatten auf großen Flächen, die intensiv landwirtschaftlich genutzt werden. Wein und Getreide wechseln sich ab. Um 11.00 Uhr haben wir in Torres del Rio eine Tomate gegessen. Dazu das leckere spanische Weißbrot. Die Tomaten sind auch nicht besser als in Deutschland.

Kurz vor Viana trafen wir einen Wanderer mit einem riesigen Rucksack und langen Beinen. Michael aus Tasmanien. Wir sind eine Weile gemeinsam gegangen, mussten ihn dann aber ziehen lassen. Er hatte sich von seiner Gruppe gelöst, um sein eigenes Tempo gehen zu können. Dort waren zu viele Leute, die alle Stunde eine Pause machen wollten und das war nicht sein Ding. Außerdem war er schon wegen seiner Körpergröße nicht für normale Schrittlängen ausgelegt. Wir haben ihn auch nur noch einen Tag später wieder gesehen. In Viana haben wir auf einem schönen Marktplatz eine Pause mit CcL gemacht und sind nach den üblichen Anlaufproblemen noch zwei Stunden nach Logrono gewandert. Unterwegs mussten wir tatsächlich in einem Kiefernwald unter Ollis Regenschirm Schutz vor einem Schauer suchen. Der war aber schnell vorbei und die letzten Kilometer ging es leicht bergauf. Wir hatten auch neue Markierungen für den Weg, da wir von Navarra in die Provinz La Rioja wechselten: zwei schöne Granitstelen mit einem kunstvoll geschmiedeten Muschelsymbol.

Am Ortseingang stand Felisa, eine ältere Dame, die jedem Pilger einen Stempel anbot und natürlich auch Einiges verkaufen wollte. Wir gaben uns gegen eine Spende mit dem Stempel zufrieden. Wolfgang aus Hamburg wurde von uns überholt. Er hatte noch sehr stark mit seinen Blasen zu kämpfen, die er sich am ersten Tag mit einer Marathondistanz eingekauft hatte. Zum Glück konnte er sich auf zwei stützende Wanderstäbe verlassen.

Die Herberge war schon gut besucht, als wir um 16.00 Uhr eincheckten. Wir fanden noch zwei freie Betten in einem großen Schlafsaal. Die Formalitäten waren schnell erledigt und der Hof lud nach dem Duschen zur kleinen Pause ein. Wäsche waschen ging auch ganz gut, nur wie üblich sind die Trockner nicht in der Lage, unsere Bekleidung zu trocknen. Wir haben dann auf die Kraft der Sonne gehofft und ich nutzte die Zeit zur Fußpflege. Das Internet war frei und so konnte ich nach neuen Nachrichten aus der Heimat recherchieren. Schreiben ging aber leider nicht. Irgend etwas war mit dem Webmaster nicht in Ordnung und meine Spanischkenntnisse sind für das Internet noch nicht ausreichend.

Der Abendspaziergang stand an und so machten wir uns zum Einlaufbier und Tagebuchschreiben auf den Weg in die Stadtmitte. Auf den Türmen der Kirche am Hauptplatz nisten mindestens fünf Storchenpaare. Der Neid überkommt mich schon ein wenig, da dies hier völlig unbeachtet geschieht. In Stotel hätten wir einen Pilgerstrom nur zu den Nestern.

Zum Abendessen haben wir uns eine Pizza in einer Selbstbedienungsbar gegönnt. Dabei kamen wir in Kontakt mit Vater und Sohn aus Baden Württemberg. Sie waren beide mit den Fahrrädern unterwegs. Soviel konnten wir mit unseren beschränkten Fremdsprachenkenntnissen erfahren. Als wir uns dann endlich auf den Weg machen wollten, gab es einen Regenschauer. Den mussten wir abwarten und haben noch ein wenig Badendeutsch über uns ergehen lassen.

In der Herberge war die Hölle los. In der Küche totale Übernahme durch die Franzosen, extrem laut, extrem kochen und extrem essen. Ronny und Martin kamen aber irgendwie doch noch mit ihrem Topf dazwischen. Gegen 22.00 Uhr erschien der Hospitalero und machte auf die Nachtruhe aufmerksam. Gerade zu diesem Zeitpunkt fing einer der jüngeren Franzosen seelenruhig an, die Zutaten für einen gemischten Salat zurechtzuschneiden.

Bis 05.30 Uhr habe ich mit Hilfe der Ohrenstopfen gut geschlafen. Dann drang aber das Rascheln der Plastiktüten durch.

 

 

 

06.04.2006                                                       8. Wandertag

 

Logrono – Najera                                        29 km

 

Weil irgendeiner dann das Licht einschaltete, mussten wir auch los. In der Küche gab es einen CcL aus einem Automaten. Um 07.20 Uhr verließen wir die Herberge. Der Weg durch die Stadt war recht verwinkelt, aber die Pfeile sieht man überall. Außerdem ist unser Wanderführer mit den Stadtbeschreibungen sehr gut. Es war kühl und der Himmel leicht bedeckt. Ein Thermometer in der Stadt zeigte 12 Grad. Als wir aus der Stadt heraus gingen, wurden wir auf einen Weg geführt der von vielen Morgenjoggern genutzt wird. Er ist ausgebaut mit frischer Baumbepflanzung und führt an einem Versuchsgut für Weinforschung vorbei. Hier testet man eine weiße Tempranillo-Traube. Werde ich mal im Hinterkopf behalten. An einem Naherholungssee vorbei, waren wir schon um 10.00 Uhr in Navarrete, wo wir eine Pause von 30 Minuten in einem netten Cafe einlegten. Das Bocadillo con queso und der CcL tun immer gut. Danach gingen wir aus dem Dorf heraus – wie üblich mit Anlaufproblemen. Der linke Fuß brennt wie Feuer. Nach zwei Kilometern, am Friedhof vorbei, macht der Weg einen Schlenker und ich griff in die Tasche um den Wanderführer herauszuziehen. Halt, alto, Stopp. Wo ist das Buch. In meiner Rucksackklappe nicht, in Ollis Rucksackklappe auch nicht. Also in der Bar. Ich lasse meinen Rucksack bei Olli an der Friedhofsbank zurück und trabe leichtfüßig  (tatsächlich) ins Dorf zurück. Plötzlich kommt mir hupend ein weißer Fiesta entgegen und ein Arm aus dem Fenster schwenkt meinen Wanderführer. Der Wirt aus der Bar hatte das Buch gesehen und wusste natürlich, wo und wie er uns erreichen konnte. Schon wieder ein netter Spanier.

Der Verlust des Buches wäre wirklich ein herber Schlag gewesen.

Für die Zukunft nahmen wir uns vor, nach jeder Pause nach dem Buch zu fragen.

Fröhlich führten wir dann unsere Wanderung fort und haben uns durch Umleitungen wegen der großen Straßenbauprojekte nicht aus der Ruhe bringen lassen. Die Streckenführung durch die Baustellen war etwas verwirrend. Ventosa war nicht da, wo es unserer Meinung nach sein sollte. Den Poyo de Roldan, einen Hügel, auf dem ein einheimischer, mutiger Ritter gegen einen bösen Riesen gekämpft hat, haben wir aber erkannt und auch besichtigt. Auf jeden Fall erreichten wir unseren Zielort schon um 14.30 Uhr. Wir wollten in der Herberge übernachten die 2-Bett-Zimmer für Pilger anbot. Unterwegs hatten wir schon Werbeschilder gesehen, aber trotzdem noch mal nachgefragt. Manche Straßennamen sind im Gelben Buch abgekürzt und wer weiß schon, dass C. immer Calle bedeutet. Da wir zur besten Essenszeit ankamen und der Wirt nicht zu sprechen war, mussten wir warten. Da konnten wir ein Einlaufbier trinken und unser Tagebuch schreiben. Der “Herbergsvater“ ist mit uns und  drei Damen aus England zu unserem “Zimmer“ gegangen. Die angepriesenen Unterkünfte hatte er nicht mehr. Wie wir aus seinen Erklärungen entnahmen, hätte er einen Hospitalero einstellen müssen und das war zu kostspielig. Also sind wir in eine neu eingerichtete “Großraumunterkunft“ gegangen, die mir sofort zusagte. Die Damen machten einen Rückzieher und so waren wir alleine in einem Raum mit vier Doppelstockbetten, Dusche und Toilette. Sauber und, wie sich nachher herausstellte, Erstbezug durch uns.

Wir haben uns eingerichtet und sind zur Abendessenanmeldung noch einmal zum Vermieter zurück gegangen. Die freie Zeit nutzten wir zur Fußpflege, (eigentlich nur ich), und besuchten den Ort und sorgten für Schlafmittel. Als zusätzlichen Mitschläfer kam noch Philip, mit dem wir die Gemeindeherberge und dort Andre besuchten. Ich konnte kurz im Internet nachschauen, bevor es zum Abendessen ging.

Wir aßen Spaghetti, mit Käse gefüllte Paprika und Pommes. Obst nach Wahl als Nachtisch. Wein und Wasser incl. alles für € 8,–. Die Pilgermenüs erwiesen sich als gut, schmackhaft und preiswert. Dann bat der Wirt noch um einen Beitrag in sein Gästebuch und wir haben in der Unterkunft noch in der Caminosprache mit Philip small talk gehabt.

 

 

 

07.04.2006                                                       9. Wandertag

 

Najera                        Redecilla del Camino                      33 km

 

Diese Nacht haben wir wunderbar ruhig geschlafen bis 07.00 Uhr. Philip wollte noch nicht aufstehen und so sind Olli und ich nach einer Gemüsebrühe um 08.00 Uhr los.

Wie im Buch beschrieben, gab es einen steilen Anstieg auf den ersten Pass. Es war kühl, feucht und nicht gut zu gehen. Die Füße machten mir immer noch Probleme. Die zusätzliche Last des Rucksacks drückte. Auch zusätzliche Pflaster an den Problemzonen brachten keine Entlastung. Ich dachte darüber nach, bei nächster Gelegenheit neue Schuhe zu kaufen. Die Dämpfung der Meindl–Schuhe könnte etwas besser sein, oder die Außensohle müsste fester sein und vor dem Druck der kleinen Steine schützen. Im Laufe des Tages wurde es dann etwas besser. Nach einer Pause war das Anlaufen immer sehr mühsam.

Um 09.00 Uhr waren wir in Azofra und haben gefrühstückt. Dos CcL, una pequeno bocadillo con queso y tomato y una bocadillo pequeno con marmelada. Das geht schon ganz flüssig von den Lippen und wird auch verstanden. Das Käsebrötchen war aber ein Baguette. Macht nichts. Die Dame in der Bar hatte ziemlich viel zu tun, da nicht nur Pilger gefrühstückt haben.

Der weitere Weg war sehr schwer durchweicht und matschig. Am Rollo de Azofra hat ein witziger Pilger seine alten Schuhe stehen gelassen. Auch eine Art von Entsorgungsmöglichkeit. Bis Santo Domingo de la Calzada hatten wir zwei Pässe zu bewältigen und zusätzlich die leicht wellige Landschaft. Aber dafür war auch eine sehr schöne Umgebung. In Santo Domingo ist das Pilgerzeichen sogar in den Straßenablauf eingearbeitet.

Dort angekommen sind wir mit Peregrinorabatt in die Kathedrale gegangen und haben uns den Hühnerstall angesehen. Der Hahn hat gekräht und das soll den Pilgern auf dem weiteren Weg Glück bringen. Schaun wir mal.

Zur Pause aßen wir Tomaten und Brot, redeten mit Martin, Ronny und Lanette und zogen die Beinlinge wieder an. Hinter Santo Domingo waren die Muscheln an den Betonpfeilern plötzlich golden. Jede Region wetteifert vermutlich um die schönsten Pilgerzeichen. Anschließend wurde es etwas wärmer und ab und zu kam auch die Sonne heraus. Gegen 15.00 Uhr waren wir in Granon, wo wir  Andre trafen. Er hatte sein Tagespensum bereits erreicht, schon eingecheckt und geduscht. In der Dorfbar, recht dunkel und nur von alten Männern besetzt, hatten wir einen CcL und einen geschenkten Kuchen. Die Wirtin war begeistert, dass wir noch weiter gehen wollten.

Die Grenze von Rioja zu Burgos wurde uns mit einem Hinweisschild schon aus großer Entfernung angekündigt.

Nach einer knappen Stunde trafen wir Christian Mühlethaler. Mit ihm sind wir die letzte Strecke bis Redecilla de Camino gemeinsam gegangen. Er ist Lehrer und geht immer in freien Zeiten etappenweise von zu Hause, Wahlendorf im Kanton Bern, bis nach Santiago. Er hatte seinen 56 Wandertag. Während seiner Pausen, auch unterwegs, malt er zusätzlich zu seinen Tagebucheintragungen kleine Aquarellbilder in sein Buch. Ich habe ihn mit Olli und zusätzlich sein Bild von Redecilla fotografiert. Nach dem Einchecken in die Herberge der Kirchengemeinde gab es nur kaltes Wasser zum duschen. Die Gastherme war nicht für den Ansturm ausgelegt. Die Beherbergung war aber ok. Es war eine Bar im Haus vorhanden, und die Übernachtung und das angebotene Abendessen, wurde von den Damen der Kirchengemeinde gegen Spende angeboten. Wir haben uns unser Menü ausgesucht und wurden für 19.30 Uhr eingetragen. Philip erschien auch und so einigten wir uns mit ihm und Christian auf einen Tisch. Vorher machten wir den obligatorischen Rundgang durch das Dorf. In der Kirche waren die Heiligenfiguren schon abgenommen, um sie für die Semana Santa Prozessionen vorzubereiten. Der fahrbare Fleischerladen stand auf dem Marktplatz und so konnte ich für das späte Nachtessen eine halbe Salcicida kaufen. In einer Bar an der Carretera gab es auch noch eine kleine Tienda wo es ein Bier vom Fass mit Herpes (iiih !) für Ollis Unterlippe und eine Flasche Wein als Schlafmittel gab. In der Unterkunftsbar wurde Tagebuch geschrieben und dazu ein kleines Glas Tinto getrunken. Trotz angenehmer Temperaturen brannte das Feuer im Kamin. Das Abendessen war sehr nett und liebevoll zubereitet und angerichtet. Wir haben dann gemeinsam entschieden, es mit € 5,- zu entlohnen. Weil es in der Bar noch recht laut war, sind wir noch mal rein. Ronny und Martin saßen am Kamin und wärmten sich die Füße. Wir haben einen Brandy genommen und waren um 21.30 Uhr im Bett.

 

 

 

08.04.2006                           10. Wandertag

 

Redecilla – Ages                               42 km

 

Bis 6.00 Uhr habe ich sehr gut geschlafen. Dann fingen die Franzosen im Nachbarzimmer wieder an mit den Plastiktüten zu rascheln. Es waren die gleichen, die auch in Logrono so früh rödelten. Wir sind in aller Ruhe aufgestanden und haben um 07.20 Uhr das Haus verlassen. Der Himmel war leicht bedeckt aber noch sah es gut aus. In Viloria haben wir aber doch die Regenkleider für Rucksack und Mensch herausgeholt. Gegen 10.00 Uhr waren wir in Belorado und haben gefrühstückt. CcL und una pequeno Bocadillo con Tortilla con queso y pimente. Sehr lecker. Nach der Pause regnete es richtig, so dass wir schon ein bisschen missmutig wurden. Aber nach 2 km kam plötzlich die Sonne heraus und wir haben das Regenzeug wieder weggepackt. Durch Tosantos wanderten wir ohne große Pause und immer in der Nähe der Nationalstraße. Plötzlich sahen wir den Kirchturm von Villafranca Montes de Oca. Es war 12.30 Uhr und unser Tagesziel war erreicht. Wir hatten am Vorabend das Höhenprofil studiert und uns für dieses Ziel entschieden. Aber so früh geben wir nicht auf. In einer Meson an einem LKW-Parkplatz haben wir eine Zupa gegessen und als zusätzlichen Energiespender eine Cola getrunken. Dann haben wir uns an den Aufstieg auf die Höhen der Gansberge gemacht. Der Weg ist wirklich nicht schön: Schotter, Steine und ausgespülte Rinnen mit viel Matsch. Nach annähernd einer halben Stunde waren wir schon fast auf dem Plateau. Der Weg ist an einigen Stellen ausgebessert aber bei Feuchtigkeit sehr schwer zu bewältigen. Dafür ist er im Sommer bei langer Trockenperiode bestimmt sehr staubig.

Auf der Hochebene der Ocaberge sind die Eichenwälder fast alle tot. Es herrscht ein sehr starker Flechtenbewuchs und es gibt kein Zeichen von Blättern oder Knospen. Auf der anderen Straßenseite sind neue Anpflanzungen mit Fichten und Lärchen, die gesund aussehen. Unterwegs haben wir wieder Christian Mühlethaler getroffen, der unter einem Baum saß, Pause machte und malte. Wir sind bis San Juan de Ortega weiter. Dort, beim alten Kloster, haben wir in einer benachbarten Bar eine Pause gemacht. Es war nicht mehr weit bis zu unserem Ziel in Ages aber die Sonne stand schön und wir haben draußen gesessen. Plötzlich rief Andre von nebenan. Er hatte in der kalten Herberge eingecheckt und war schon geduscht. Wir sind mit Christian, der wieder aufholte, und dem spanischen Paar, das wir seit Logrono häufiger sahen, weiter gegangen.

Nach einer Stunde waren wir schon in Ages und suchten gerade unsere Herberge, als wir von hinten vertrauten Gesang vernahmen. Andre konnte es wohl nicht verwinden, dass wir wieder ein paar Kilometer mehr machten als er und ist uns nachgegangen. Olli und ich haben in der privaten Herberge “El Pajar de Ages“ eingecheckt. Wir waren die einzigen Gäste. Ein altes Haus in einer Häuserzeile, hervorragend saniert und renoviert, nur neue Möbel mit Sicherheitsschränken für jeden Rucksack. Außerdem gab es eine Waschmaschine mit Waschmittel, einen Wäschetrockner, Internetanschluss und vier Badezimmer mit Toilette. Ein Luxus unter den Herbergen. Alles zu zivilen Privatpreisen. Wir haben ein Abendessen bekommen, für deren Zubereitung drei Frauen aus der Familie erschienen. Anschließend wurde uns gezeigt, wie wir am nächsten Morgen das Frühstück bereiten können, und dann blieben wir alleine. Gegen 22.00 Uhr wollte der Sohn noch mit ein paar Freunden vorbeikommen, die eine Übernachtung angemeldet hatten. Wir haben diesen Luxus mit sauberer Wäsche und der schönen Unterkunft als Belohnung angesehen. 333 Gesamtkilometer und heute 42 km. Dazu nach dem Wanderführer drei Tage voraus. Nach dem Abendbrot sind wir noch ein bisschen durch das Dorf gegangen und waren auch in der Kirche. Die Kirchdienerin wollte gerade abschließen, sah in uns aber potentielle Spender für einen Wiederaufbau der Ermita de Valdefuentes und bat uns, noch andere Pilger vorbei zu schicken, dann würde sie die Kirche noch 15 Minuten länger geöffnet halten. Wir haben dieses Christian mitgeteilt und er hat es, da er der französischen Sprache mächtig ist, es an die Pilger in der Gemeindeherberge weitergegeben. Den Internetanschluss haben wir genutzt, um unter anderem Fußballergebnisse abzurufen. Nach Einnahme des Schlafmittels sind wir um 22.30 Uhr zu Bett gegangen.

 

 

09.04.2006                                                       11. Wandertag

 

Ages – Rabe de las Calzadas                   35 km

 

Das Frühstück stand in der Küche bereit. Der Kaffee in der Wärmekanne war aber kalt und so konnte ich die Mikrowelle in Betrieb setzen. Das wurde mir am Vorabend alles erklärt. Der Toaster hatte horizontalen Einschub und Metallgitter zum Finger verbrennen. aber es hat alles gut geklappt. Ich habe jede Menge Brot geröstet und mit Butter und Marmelade bestrichen. Dazu gab es “selbst gemachten CcL“. Um 08.10 Uhr sind wir gestartet. Nach einer knappen Stunde erreichten wir Atapuerca. Dort kommen wir alle her. Die letzten Grabungen und Funde lassen darauf schließen, dass der älteste Mensch der alten Welt bzw. Europas hier gelebt hat.

Hinter Atapuerca sind wir mit einer spanischen Familie den Berg hinauf gewandert. Oben, auf 1000 m Höhe, haben sie uns am Gipfelkreuz fotografiert. Danach ging es bergab, durch Schotter und über raue Wege bis zu den Vororten von Burgos. Dort kamen wir um 11.00 Uhr an und suchten nach einer Bushaltestelle mit Fahrplan, denn im Reiseführer wird empfohlen, den Weg durch die Industriegelände zu meiden und der Bequemlichkeit halber lieber den Bus zu nehmen. Es gab aber weder einen Fahrplan noch Informationen wie und wann der Bus fährt. Es war Sonntag. Also haben wir uns entschlossen, zu Fuß weiter zu gehen. Das war auch ein guter Entschluss, denn so können wir sagen, dass wir tatsächlich den ganzen Weg ohne Unterstützung gegangen sind.

Zur Kathedrale sind wir nicht vorgestoßen. Es war Palmsonntag und so voll, dass ein Durchschlängeln mit Gepäck nicht möglich war. Ich habe versucht, einige Fotos mit hoch gehaltener Kamera zu machen. Vor der Kirche St. Nicolas trafen wir Martin. Er wartete auf Ronny, der Lanette mit dem Bus zu ihrem Flugplatz begleiten wollte.

Vom Abendbrot in Ages hatten wir noch einen Apfel übrig. Der wurde unser Mittagshighlight. Es war alles zu voll und wieder zurück in ruhigere Stadtteile wollten wir auch nicht. Dazu kam, dass wir uns unwohl fühlten. Nach zehn Tagen Wandern durch ruhige, kleine Dörfer und wenig bevölkerte Landschaft war Burgos einfach viel zu laut. Um 12.50 Uhr haben wir uns Richtung Fluss orientiert und sind zügig aus der Stadt gegangen. Durch Flussauen und riesige Autobahnbaustellen ging es bis nach Tarjados. Dort kamen wir aber viel zu früh an, und so haben wir uns entschlossen, noch einen Ort weiter zu gehen. Um 15.30 Uhr erreichten wir Rabe. Die Gemeindeherberge wurde noch renoviert und so gingen wir um ein paar Ecken weiter in die private Herberge “Virgen de la Guia“. Der Hospitalero sprach gut englisch und bot uns Hausschuhe an, so dass die Wanderschuhe im Flur entlüften konnten. Übernachtung € 6,-, Abendbrot € 5,- und Frühstück für € 2,-. Klang alles gut und wurde von uns so gebucht. Sonntags sind die Tiendas erst ab 17.00 Uhr geöffnet – wenn im Dorf eine vorhanden ist. Hier gab es keine. Der Hospitalero hatte aber ein Dosenbier für uns. Tagebuch wurde auf der Bank vor dem Haus geschrieben. Ein kleiner Spaziergang führte uns durch den Ort, wo wir von einem jungen Elternpaar einen Hinweis auf die einzige Bar bekamen. Diese war aber noch geschlossen. Der Himmel sah nicht gut aus und so sind wir zurückgegangen. Zwei spanische Radfahrer waren mittlerweile in unseren Schlafsaal dazu gekommen. Sie sind trotz unseres Hinweises auf die geschlossene Bar losgegangen. Da das Abendessen für 20.00 Uhr angekündigt war und es doch nicht regnete, sind wir auch noch mal los, um die Beine zu vertreten und fanden die Bar geöffnet. Sie war der Treffpunkt für jung und alt und wird von der Dorfgemeinschaft betrieben. Wir haben einen kleinen Roten getrunken und sind dann rechtzeitig zur Herberge zurück. Nach der letzten Übernachtung kam der Reinfall. Für zehn hungrige Pilger gab es eine Schüssel Ensalata mista mit Tuna, was nicht ausreichend war. Also haben wir das dazugehörige Brot auch komplett vertilgt. Dann stellte der Hospitalero eine große Schüssel verklebter, schon fast kalter Spaghetti auf den Tisch und dazu zwei kleine Schalen mit Soße, die aus höchstens einer Maggitüte hergestellt war. Dazu gab es Wasser aus dem Wasserhahn und 1,5 Flaschen Wein. Den Spaniern hat es auch nicht gefallen. Sie haben fröhlich Brot geschnitten und wir haben es mit Olivenöl beträufelt und gegessen. Der Nachtisch war ein Billigjoghurt für 19 Cent.

In unserem Schlafsaal waren mindestens vier Schnarcher, Aber die Ohrstöpsel sind super gut.

Das Frühstück war die Fortsetzung der Pleite. CcL, geröstetes Brot und Marmelade ist ok. Wenn aber die ersten Gäste um 06.00 Uhr losrödeln und wir fast als letzte in die Küche kommen, sollte eine gewisse Routine in der Versorgung der zu schröpfenden Gäste gegeben sein. War aber nicht. Der Kaffee war lau und Marmelade und Butter waren portioniert.

Das einzige Highlight in dieser Unterkunft war der 74-jährige Deutsche, der seit März aus Dortmund mit dem Fahrrad unterwegs war und zum Frühstück noch mal alle unterhielt. Er macht diese Tour zum dritten mal, spricht nur deutsch und kommt überall durch. Er wird sogar kostenlos zum Essen eingeladen und zahlt auch nicht immer für die Unterkunft.

 

 

10.04.2006                               12. Wandertag

 

Rabe – Castrojeriz                          28 km

 

Um 08.10 Uhr sind wir mit Regenschutz losgegangen. Der Himmel war bedeckt und die Temperaturen sehr niedrig. Gleich zu Anfang geht der Weg auf schwerem Lehmboden bergauf. Um 09.30 Uhr waren wir in Hornillos del Camino. Auch hier sieht man, wie in vielen anderen Orten, Bierwerbung mit der Entfernung nach Santiago. Dann ging es auf die Höhen der Meseta. Der Wind kam glücklicherweise nur von vorne. Nach einer Stunde waren wir in der Nähe von San Bol. Wir sind aber nicht abgebogen sondern zügig weiter geschritten.

In Hontanas haben wir eine CcL-Pause eingelegt und die ersten bekennenden Buspilger getroffen. Eine Gruppe aus Tirol gab zu, mit dem Bus einige Etappenzwischenräume zu bewältigen. Durch das Tal des Garbanzuela wanderten wir abwärts weiter auf der Strasse nach Castrojeriz. Unterwegs sahen wir den Raupenwurm, von dem Christian uns schon berichtet hatte. Danach habe ich noch die imposanten Reste von San Anton fotografiert. Hier tauchte zum ersten mal das Tau Zeichen als Pilgersymbol auf. In den Nischen war aber weder Brot noch Wein für uns bereitgestellt.

Um 13.00 Uhr erreichten wir die ersten Häusern von Castrojeriz. Das Kastell hoch oben auf dem Berg wirkt immer noch beschützend für die Siedlung. Wir hatten zwar erst 28 km zurückgelegt, aber aus Respekt vor der Rampe nach dem Ort und dem damit verbundenen Anstieg auf 900 m entschieden wir, hier zu übernachten. Es gab verschiedene Herbergen und wir haben alle besucht. Die Gemeindeherberge war noch geschlossen und sollte erst in ein paar Tagen öffnen. Von den anderen Möglichkeiten haben wir die private mit dem angekündigten Gregorianischen Weckgesang genommen. Sie war sauber, ordentlich und gut organisiert. Die übrigen Möglichkeiten waren entweder schmutzig oder noch im Umbau begriffen. In der Bar gegenüber, einer restaurierten uralten Weinpresse, war es sehr gemütlich und sie schien uns der richtige Ort für die  Vorbereitung des nächsten Tages zu sein. Dort haben wir Tagebuch geschrieben und Abendbrot gegessen. Der Hospitalero und sein Gehilfe nahmen die Pilger ab 16.00 Uhr in Empfang und verteilten sie auf die Schlafsäle. Es ging tatsächlich nach der Reihenfolge. Wir hatten unsere Rucksäcke in der ersten Gruppe platziert und wurden auch so eingelassen. Vordrängeln von einigen anderen wurde nicht akzeptiert. Die Schlafstellen waren gemauert und mit einer dicken Matratze belegt. Schlafen konnte man sehr gut. Um 07.00 Uhr erklangen die angekündigten Gesänge und eine viertel Stunde später ging das Licht an.

 

 

11.04.2006                           13. Wandertag

 

Castrojeriz – Carrion de los Condes                                45 km

 

In der Herberge bekam jeder gegen eine Spende einen kleine Becher CcL und ein paar Kekse als Frühstück. Eine nette Geste der Hospitaleros. Schade dass man sich nur einmal sieht. Um 07.40 Uhr waren wir auf dem Weg. Die Sonne im Rücken bei 0 Grad und Raureif auf den Gräsern am Wegesrand.

Die Rampe auf den Mostelares ist wirklich steil. Aber wir waren schnell oben und dann ging es auch schon wieder bergab. Abwärts ist aber nicht so angenehm, wenn die Wege schwer und lehmig sind. Der Lehm beherrschte von jetzt an die Landschaft und den Hausbau. Bis mittags war es recht kühl. Am Canal de Castilla entlang wurde es dann wieder flach und leichter zu gehen. Plötzlich waren wir schon in Fromista. Wir haben erstaunt die Karte und die Uhren kontrolliert. 25 km in 4,5 Stunden. Die Tourist-Info hatte zwar ein gutes Heft mit Übernachtungsdetails, aber keine Informationen welche Herbergen in der Umgebung geöffnet sind. Also haben wir uns entschlossen, einfach weiter zu gehen und darauf zu hoffen dass eine Herberge geöffnet ist. Bisher hatte es auch immer geklappt. Kaffee und eine Hefeschnecke mit Rosinen, fast so wie zu Hause, haben wir noch mitgenommen und dann sind wir an der Nationalstrasse entlang auf abgesperrten Pilgerwegen weitergewandert.

Es ging mal wieder auf leicht welligem Terrain immer geradeaus. Auf diesen Wegen wurden wir immer wieder überrascht vom plötzlichen Auftauchen der Pilger vor uns. Da wir doch recht zügig unterwegs waren, haben wir uns immer wieder gefragt aus welchem Bus diese wohl ausgestiegen waren.

In Carrion de los Condes sind wir nicht den Pfeilen nachgegangen sondern der Wegbeschreibung nach links zum Kloster der Klarissinnen. Dort wurden wir von einem netten Mann empfangen, der uns ein Zimmer mit drei Betten zuwies. Es war schon ein Bett von einem Holländer belegt, der aber in Spanien lebt.

Das Wasser war heiß und wir konnten im Innenhof die Wäsche zum trocknen aufhängen. Außerdem war die Küche gut und so haben wir uns auf Kochen vorbereitet und die Einkaufsbeutel ins Dorf mitgenommen. Es gab ein Einlaufbier in einer Bar, kauften Nudeln und Tomatensoße im Supermarkt und trafen Martin und Ronny. Sie waren  in der Gemeindeherberge abgestiegen und wussten nichts vom Kloster. Das gelbe Buch ist wirklich ein Glücksbringer. Später haben wir gekocht und den Rest der Nudeln einem Basken gegeben. 500 Gramm Nudeln mit Soße sind auch nach 45 km für zwei Leute zu viel.

Wir waren dann anschließend noch in der Stadt und haben Emil Senn kennen gelernt. Der Schweizer ist schon ein paar Jahre älter und hat sich eine starke Entzündung der Achillessehnen zugezogen, weil er mit MBT Schuhen gelaufen ist. Die übrige Geschichte zu ihm hat mir Hermine, die Österreicherin, erzählt. Er hatte auch noch eine Umhängetasche mit Büchern dabei von denen er sich aber schon teilweise getrennt hatte. Wir sahen ihn abends mit einem Cordjacket und dachten, dies wäre seine Abendgarderobe. Hermine erklärte mir aber am nächsten Morgen dass er so unterwegs sei.

Wir sind früh zu Bett gegangen um auch den Füßen Ruhe zu gönnen. Die Blasen belasten nicht mehr und werden jetzt jeden Morgen noch mit einem zusätzlichen Pflaster gepolstert.

 

 

12.04.2006                                                       14. Wandertag

 

Carrion – Sahagun              41 km

 

Nach erholsamem Schlaf haben wir um 07.00 Uhr eine Brühe gemacht und diese mit Hermine und ihrem Begleiter aus Estland geteilt. Sie ist Bergwanderführerin und hat Markku unterwegs aufgelesen. Er geht ungefähr ihr Tempo und so treffen sie abends immer wieder zusammen. Um 07.30 Uhr sind wir losgewandert. Dies war abgesehen vom leichten Nebel und dem schönen Sonnenaufgang im Rücken eine langweilige Strecke, 17 km nur geradeaus und total flach. Anfangs gab es ein paar Erlen und Pappeln, dann nichts mehr. Wir haben nach einer Stunde einen Hinweis bekommen, dass wir auf einer historischen  Wegführung wandern, die Via Aquitana von Burdeos nach Astorga. Das einzig Interessante war die Kreuzung des Canada Real, den wir aber nicht gesehen haben, da er nicht markiert war. Die Straße war teilweise gut zu gehen, hatte aber häufig als Belag Rollkies in allen Stärken. Um 10.40 Uhr waren wir schon in Calzadilla und hatten die ersten langweiligen 17 km hinter uns gebracht. Bei diesen Morgentemperaturen bleibt nur viel Bewegung. In der einzigen Bar des Dorfes nahmen wir  einen CcL und una pequeno dolce dazu. Der rechte Fuß piekte und ich habe eine neue Blase entdeckt. Sch…. Abgeklebt und auch gleich die Beinlinge ausgezogen. Auf sehr abwechslungsreicher Strecke ging es weiter Richtung Sahagun. Unser gestecktes Tagesziel Terradillos de los Templarios entpuppte sich als sehr kleine Siedlung und war außerdem zu früh erreicht. In Moratinos haben wir dann die ersten Bodegas im Erdreich gesehen. Dort sind in künstlichen oder natürlichen Hügeln die Weinkeller untergebracht. In San Nicolas del Real Camino haben wir dann noch eine Pause gemacht und wurden von Ronny und Martin wieder eingeholt. Bis Sahagun war es dann nicht mehr weit und wir haben das gelbe Buch zu Rate gezogen. Die Gemeindeunterkunft in einer alten Kirche sollte nicht so gut sein und wir waren auch nicht sehr davon angetan. Wir hatten uns auch mal was verdient und sind gegenüber in ein Hostal. Schlafen in einem echten Bett ohne Schlafsack, duschen so lange man möchte, Wäsche machen und auf dem Balkon aufhängen und überhaupt. Verdient ist verdient.

Das Hostal Hnos. Llorente hat uns diese Wünsche erfüllt.

Nach der Fußpflege gingen wir in die Stadt und ich habe in der Farmacia Bepanthen-Salbe gekauft – für Wundpflege und als Heilsalbe gegen Wolf etc.

Einlaufbier und Tagebuchschreiben in der Hostalbar. Eine Taverne für das Abendbrot haben wir auch gefunden. Dort konnten wir aber zu der uns genehmen Zeit nicht hin. Also sind wir in ein Restaurant gegenüber gegangen und haben uns dabei eine Prozession angeschaut. Lila Gewänder mit goldener Hüftschnur, schwarze Gewänder mit spitzen Kapuzen ??????

Im Hostal haben wir dann noch den nächsten Tag besprochen und danach die Breite der Betten genutzt um schön zu schlafen.

 

 

13.04.2006                                                                              15. Wandertag

 

Sahagun – Mansilla de las Mulas                          37 km

 

Im Hostal sind wir doch recht früh aufgewacht, trotzdem sind wir in aller Ruhe aufgestanden und haben eine gute Morgentoilette genossen. Um 08.00 Uhr sind wir aus dem Haus und haben auf dem Marktplatz CcL und Frühstücksdoughnuts zu uns genommen.

Es war sehr kühl mit viel Nebel. Trotzdem trugen wir kurze Hosen und T-Shirts. Der Weg aus der Stadt war schön: Immer geradeaus mit Platanen an den Wegen. Die interessanten Weinkeller ab und zu in den Siedlungen. Leider waren alle verschlossen. Die erste Pause haben wir nach ca. drei Stunden eingelegt. In El Burgo Ranero haben wir im Dorfladen fette Wurst, Tomaten und Brot eingekauft und auf einer Bank am Dorfplatz Picknick gemacht. Wir sahen alte Häuser, die noch aus Lehmziegeln gebaut sind und Lehm-Strohputz an den Wänden aufwiesen. Wir gingen weiter, auf einer der langweiligsten Strecken überhaupt. Nur geradeaus, kein Baum, kein Strauch. Aber in zehn Jahren werden die Pilger nur im Schatten auf diesem Weg gehen. Neue Anpflanzungen und ein fester Weg neben der Straße zeugen vom Bemühen für die Pilger etwas zu tun. Überhaupt: der Pilger wird, wenn er nicht zu maulfaul ist, immer zurückgegrüßt und es heißt immer am Ende des Grußes Buen Camino.

An unserem Etappenort kamen wir um 15.15 Uhr an und stellten fest, dass die Unterkunft schon gut belegt war. Da der Hospitalero erst um 16.00 Uhr wieder erscheinen sollte, haben wir einfach zwei Betten mit unseren Schlafsäcken belegt und geduscht. Der Hospitalero kam und entpuppte sich als eben der im gelben Heft beschriebene Wolf Schneider aus Deutschland. Die eigenmächtige Wahl der Betten wurde noch korrigiert, weil ein Bett unten für einen Behinderten frei gehalten werden musste, aber sonst war alles ok.

Wir waren anschließend einkaufen für das Abendessen und haben nebenbei unser Einlaufbier getrunken, Wäsche gemacht und das Dorf besichtigt. Olli hätte gerne mal Pellkartoffeln und Bratheringe gegessen. Bratheringe gab es nicht in der Tienda, aber Pellkartoffeln gehen immer und dann habe ich die neue Soße gemacht. Vorher haben wir Ronny und Martin zum Essen eingeladen und die entsprechende Menge eingekauft. Philadelphia-Käse oder nationalen Ersatz, Schlagsahne oder Schmand, Zwiebeln, Knoblauch, Salz und Pfeffer. Alles schön klein hacken und drücken und bei kleiner Flamme köcheln. Zum Abschluss dann noch Käse mit Edelschimmel, Bavaria blue oder ähnlich.

Das schmeckt zu Nudeln wie zu Pellkartoffeln. Die Pellkartoffeln wollten wir mit Hilfe der großen Töpfe der Küchenausrüstung kochen. Dann kam aber eine der Damen des Hauses, Funktion und Familienstand unbekannt, und bot mir einen Schnellkochtopf an. Ich habe ihn angenommen, auch wenn ich von der technischen Sicherheit nicht so überzeugt war. Aber es ging erstaunlich gut und schnell und einige Kartoffeln waren sogar sehr gar.

Eine junge deutsche Pilgerin kam noch in die Herberge und durfte mit ihren beiden Hunden im Innenhof schlafen. Sie war auf dem Weg zurück nach Hause. Wenn der Camino de Santiago den Menschen dazu bewegt in sich zu gehen und die eigene innere Ruhe zu finden, muss diese Dame bis an ihr Lebensende laufen. “Durchgeknallter“ geht nicht mehr. Sie fragte ob wir noch etwas zu essen hätten, sie hätte nicht mehr einkaufen können, weil sie so spät angekommen sei. Wir haben ihr von meiner neuen Soße etwas abgegeben, Nudeln musste sie aus den Notrationen der Küche selbst kochen.

Zum Schluss noch eine Begebenheit aus dem Hospitalerobüro, in dem sich der Abend abspielte, während Wolf Schneider seine helfenden und heilenden Hände einsetzte: Irgendjemand sprach das Thema Selbstfindung an und Wolf Schneider sagte daraufhin, Zitat: „Der Camino Santiago ist die größte Psychiatrie der Welt“.

Um 22.00 Uhr waren wir in den Betten.

 

 

14.04.2006                                                       16. Wandertag

 

Mansilla – Villadangos de Paramo                       39 km

 

Allgemeiner Aufbruch bei vielen natürlich schon um 06.00 Uhr. Nebenan in der Bar aßen wir wie fast jeden Morgen CcL und Croissant. Viele Pilger saßen dort mit dem gleichen Frühstück. Um 08.00 Uhr sind wir losgegangen. Zu Anfang war der Weg noch flach, ging nach zwei Stunden aber in lange Steigungen über. Gegen 11.00 Uhr habe ich die Beinlinge wieder ausgezogen. Zu der Zeit waren wir schon in den Vororten von Leon.

In der Stadt war alles auf dem Weg zur Kathedrale:  Karfreitag.  Für uns gab es mit den Rucksäcken fast kein Durchkommen. Die Pilgerschaft ist in diesem Fall kein Vorteil. Gemäß Stadtplan geht der Weg an der Basilika Isidora weiter. Also haben wir den Weg dorthin gewählt aber dort auch keinen Vorteil gehabt. Gottesdienst in der Basilika und eine Prozession versperrte den weiteren Weg. Schade. Ich habe versucht ein paar Fotos zu machen aber dann nervte uns der Lärm und trieb uns aus der Stadt hinaus. Im Außenbereich der Stadt sind wir in die erst beste Bar gegangen um etwas zu essen. CcL und Tortilla con patatas- ein Omelette mit kleinen Kartoffelstückchen. Der Wirt war entweder noch vom Vortag blau oder hatte sonst irgendeine Einschränkung. Er hatte die schmutzigsten Fingernägel der Welt und konnte entweder nicht rechnen oder wir hatten den Pilgerbonus. Er brauchte sehr lange an seiner Kasse als ich bezahlte und hat nur den CcL abgerechnet. Das waren € 2,-. Das Essen war aber ok. Wir sind nicht krank geworden. Dann kam unser persönlicher Karfreitagsweg: Industriegebiete, Autobahnkreuze, gefährliche Straßenquerungen, Schotterwege und Staub. Kein schöner Nachmittag. In Villadangos angekommen, haben wir uns auf die Pfeile konzentriert und sind am Ortseingang geradeaus gegangen. Wir sind durch den Ort und haben irgendwann ein paar Ehepaar nach dem Weg gefragt. Die haben uns wieder zurückgeschickt und durch den Hinweis von jungen Leuten haben wir auch die Herberge gefunden. Wir sind am Ortseingang vorbeigelaufen. Das Haus steht etwas erhöht und ist sogar besonders leuchtend angestrichen. Gelbe Pfeile machen blind.

Um 16.15 Uhr haben wir eingecheckt, weil auch die Hospitalera gerade anwesend war. Gemeindeherberge mit Küche, Dreistockbetten in Schlafkojen und Einzelbetten in einem großen Raum. Wir sind auf die Einzelbetten ausgewichen und hatten ein amerikanisches älteres Paar mit im Raum, die wir noch mal treffen sollten. Geduscht gingen wir zum Einlaufbier und Tagebuch schreiben in die Bar Argüelle.

Beim Dorfrundgang haben wir ein paar interessante Häuser gesehen. Alles aus Adobe, teilweise mit Lehm-Strohputz. Die Kirche hat einen interessant gepflasterten Platz vor der Tür. Er erinnert mich ein bisschen an unseren alten Scheunenfußboden in Erndtebrück.

Die Tienda war geschlossen. die Panaderia sollte aber noch öffnen.

Also haben wir in dem einzigen Restaurant des Ortes das Menü del dia genommen. Am Karfreitag nehmen wir natürlich die Fischempfehlung. Eine wohlschmeckende, wenn auch nur lauwarme, Fischsuppe als Vorspeise und dann spanischen Bacalao mit Zwiebeln und Pommes dazu eine Flasche Wein und eine große Flasche Wasser. Alles für € 12,- je Person. Pilgerpreise gibt es natürlich nicht, wenn man das Monopolrestaurant ist. In der Herberge haben wir dann noch mit einem jungen deutschen Paar zusammen gesessen. Sie arbeiten beide in Madrid und machen nur am Wochenende ein paar Wandertage.

 

 

15.04.2006                                                       17. Wandertag

 

Villadango – Astorga                      30 km

 

Die Spanier und Franzosen machten ab 06.00 Uhr schon wieder mobil. Wir haben abgewartet und sind um 07.30 Uhr aus dem Haus. Entweder sehen wir sie unterwegs oder sie fahren mit dem Bus. Unser Tempo geht so leicht keiner mit. Im Haus ist ein Automat, dort haben wir einen CcL genommen. Der Himmel war bedeckt und es war kühl. Also haben wir Regenzeug angezogen und auch den Rucksack eingepackt. In San Martin del Camino habe ich aber die Regenjacke wieder im Rucksack verstaut. Sie ist doch sehr warm. Die Streckenführung läuft auf den alten Wegen, teilweise noch auf altem Pflaster immer an der Nationalstrasse entlang.

Um 09.30 Uhr gingen wir in Hospital de Orbigo über die berühmte Brücke, hielten uns aber nicht auf, weil alles noch geschlossen hatte. Weiter liefen wir an der N 130 die aber nicht mehr so schön war. Hügelauf und hügelab immer Richtung Westen natürlich. Fünf km vor Astorga gab es dann etwas Abwechslung. Am Cruz de Toribio vorbei und steil bergab in die Stadt. Um 13.00 Uhr haben wir die Stadt betreten. Sehr schnell hatten wir die Herberge gefunden. Sie ist der Luxus pur für Pilger. Ein 400 jähriger Palais ist vom Besitzer des Hotel Gaudi für die Belange der Pilger umgebaut worden. Wir haben einen schönen Nachmittag verbracht und haben uns die Stadt angeschaut. Abendessen haben wir mit meiner Spezialsoße und Nudeln in der Herberge in einer gut ausgestatteten Küche gekocht. Anschließend konnten wir uns mit netten Leuten unterhalten. Emil tauchte auf und ließ sich von einer deutschstämmigen Fachkraft die Füße massieren. Wer in der Nähe war, musste sich seine Fußgeschichte anhören. Der Hospitalero, Sönke, ist ein junger “Aussteiger“ aus Deutschland. Es waren viele Deutsche in dieser Herberge. Wir sind um 22.30 Uhr ins Bett gegangen. Einige kamen erst gegen 24.00 Uhr. Die Herberge hatte auf Bitte einiger Franzosen länger geöffnet, weil sie an einer Messe und der anschließenden Prozession teilnehmen wollten.

 

 

16.04.2006                                                       18. Wandertag

 

Astorga – Riego de Ambros                      41 km

 

Mobilmachung der Spanier und Franzosen wie üblich um 06.00 Uhr. Seltsamerweise müssen sie jeden Tag ihren Rucksack auspacken, am nächsten Morgen alles wieder in Plastiktüten verpacken und dann verstauen. Außerdem können sie nicht flüstern oder leise reden. Franzosen sind alle schwerhörig und Spanier taub. Wir haben Geduld geübt, es ist sowieso wenig Platz in den Schlafsälen und da bleiben wir halt noch liegen. Ich höre sowieso nicht viel, da ich die hervorragenden Ohrenstopfen trage. Um 07.30 Uhr sind wir fertig gewesen und haben das Frühstücksbüffet für € 3,- genossen. Kaffee, Butter, Brot, Toast mit Marmelade, Obst, Orangensaft und pequeno dulces soviel man möchte. Das Frühstück hat eine halbe Stunde in Anspruch genommen und wir sind dann bei kühlen Temperaturen losgewandert. Gleich zu Anfang haben wir zum zweiten und letzten mal das amerikanische Ehepaar aus Villadangos getroffen. Sie hatte einen Außengestell-Rucksack, der wirklich mit viel Last nicht so gut zu tragen ist. Von Villadangos haben sie sich auch den größten Teil des Gepäcks nachfahren lassen. Irgendjemand muss ihnen etwas von Schlangen oder anderen bösen Tieren in Europa erzählt haben, denn der Mann hatte sein Hosenbeine in die Wanderschuhe mit eingebunden.

Um 09.00 Uhr haben wir Regenzeug angezogen und sind durch die neblige Landschaft nach Rabanal del Camino gelaufen. Das war eigentlich gar nicht so anstrengend, wie im Wanderführer beschrieben. Es war 11.15 Uhr und wir hatten die ersten 20 km hinter uns. Wir haben einen CcL und eine Sopa Aioli zu uns genommen und sind dann an den Anstieg zum Cruz de Hierro gegangen. Es gibt zwei Schreibweisen, Hierro oder Ferro. Die Korrekte in Castellano ist hierro. Wir sahen ein Eisenkreuz auf einem fünf Meter hohen Baumstamm. Auf jeden Fall ist es ein wichtiger Punkt auf dem französischen Weg, 1507 m hoch. Bis hierher hat fast jeder Pilger einen Stein im Gepäck, der dann endlich abgegeben wird. Symbolisch entledigt man sich hier der Lasten, die mit der Pilgerfahrt zum Apostel Jakobus abgelegt werden. Bis hierher hatten wir noch normales Licht und auch ein wenig Sonnenschein. Doch zwei km weiter, fast in Manjarin, ging es dann los. Regen, Hagel und Regen. Zwischen 14.15 Uhr und 15.30 Uhr nur Regen aus allen Richtungen. Wir wurden richtig nass, haben aber trotzdem wunderschöne Ausblicke auf die unter uns liegende Landschaft gehabt. In El Acebo haben wir Trinkwasser aufgefüllt und sind danach weiter. Die Herberge dort ist am Ortseingang und der Ort hat absolut nichts. Im nächsten Ort, Riego de Ambros sind wir dann geblieben. Die private Herberge hatte alles was wir brauchten: Waschmaschine, Trockner, Kaminofen, Küche und Internetanschluss. Die Bar im Ort verkaufte uns auch noch Wein; Nudeln hatten wir noch im Gepäck. Zum Frühstück waren in der Herberge Brot, Butter und Kaffee vorhanden. Also komplett versorgt. Bis ca. 19.00 Uhr waren wir alleine. Dazu kamen noch ein paar junge Leute die aber nach dem Belegen ihrer Betten im Ort untertauchten. Wir haben sie noch mal abends gehört.

Ronny habe ich eine SMS geschrieben und die Herberge angeboten. Sie waren aber schon in El Acebo eingecheckt. Wir haben Ihnen dafür den Kaffee für den nächsten Morgen angeboten, aber leider nichts mehr von ihm gehört.

Die Herberge ist ein toll renoviertes altes Haus mit guter Ausstattung. Nasszellen getrennt für Männer und Frauen. Im Sommer kann man einen kleinen Innenhof nutzen und die Duschen haben heißes Wasser. Die einzige Bar im Ort bietet auch Menüs an. Nach dem Essen und Tagebuchschreiben haben wir noch am Kaminofen gesessen. Der Hospitalero wurde von seiner Frau (oder Freundin) besucht. Sie brachte ihm was zu essen mit und packte ihre Wäsche in die Waschmaschine. Sich zu unterhalten ging nicht gut, weil wir mit unseren begrenzten Spanischkenntnissen und er/sie wenig englisch keine gemeinsame Basis fanden. Die Wäsche war trocken, wir sind noch im Internet gewesen und haben eine tolle e-mail von D.P. Voss gelesen. Der Hospitalero hat uns dann auch irgendwann vertraut und sie sind nach Hause gegangen. Wir haben noch ein wenig aufgeräumt und sind schließlich auch zu Bett.

 

 

17.04.2006                                                       19. Wandertag

 

 

Riego – Villafranca de Bierzo                                36 km

 

Die jungen Leute sind gegen 06.00 Uhr aus dem Haus. Um 07.00 Uhr haben wir uns auch bewegt und das Angebot des Hospitaleros vom Vorabend zum Frühstück angenommen. CcL auf dem Gasherd, dazu eine Scheibe Weißbrot geröstet und mit Butter und Marmelade bestrichen.

Um 07.40 Uhr ging es dann mit Regenschutz los. Bis nach Molinaseca liefen wir bergab. In Riego wanderten wir noch auf einem alten gepflasterten Pilgerweg. Es war sehr rutschig und lehmig und fast bergsteigernd steil. In Molinaseca waren die Aussichten besser und wir haben das Regenzeug verstaut. Die Sonne wärmte langsam und der Weg wurde merklich besser. Ponferrada kam in Sicht und im Vorort Campo habe ich die Beinlinge ausgezogen. In Ponferrada sind die Pilgerzeichen aus poliertem Messing und führen gut durch die Stadt. In der Nähe der Templerburg machten wir Rast in einem Cafe für CcL und einen sehr eierhaltigen Kuchen. Wir wählten den ausgeschilderten Weg und nicht die schnellere Variante an der Nationalstrasse. In Cacabelos wollten wir eigentlich eine Pause einlegen, weil der Ort schön ist und gemütlich aussah. Doch dann strömten plötzlich die Massen aus der Kirche und schoben sich zu einer Prozession zusammen, die uns förmlich aus der Stadt trieb. Es war die “Meta-Prozession“. Wir dachten, dass wir auf der anderen Seite des Flusses etwas fänden, wurden aber enttäuscht. Also blieb uns keine Wahl: Wasser trinken und weiter. Es waren auch nur noch 8 km. Seltsamerweise sahen wir 5 km vor Villafranca auf dem langen Weg in das Tal viele Pilger. Vorher haben wir aber keine Bushaltestelle gesehen. Um 15.30 Uhr waren wir an der Gemeindeherberge und sind erst mal vorbeigelaufen um nach der privaten zu sehen, die im gelben Buch so gelobt wird. Dort wurde uns aber bedeutet dass die Küche nicht benutzt werden kann. Also sind wir lieber wieder zurück, checkten ein und sind bei schönem Wetter in die Stadt zum Einlaufbier. Wir mussten noch ein paar Runden durch die Stadt drehen, bis die Tiendas und Supermärkte öffneten. Dann haben wir Salat, Tomaten, Nudeln und zwei Kotelett gekauft. Als wir gerade beim Vorbereiten der Hauptspeise waren, erschiene Ronny und Martin. Sie bekamen unsere Salatreste ab. Wir haben danach das Tagebuch geschrieben und mit Martin und Ronny vereinbart, den Cebreiro gemeinsam zu gehen.

Bettruhe war wegen des anstehenden Tages bereits um 21.30 Uhr.

 

 

18.04.2006                                                       20. Wandertag

 

Villafranca – O Cebreiro                 29 km

 

Ich habe die Mobilmachung verschlafen und bin um kurz vor 07.00 Uhr erst aufgewacht. Da waren Ronny und Martin schon fast fertig. Olli und ich sind nach dem Packen nach unten gegangen und haben einen Extraktkaffee mit Kaffeeweißer getrunken. Um 07.30 Uhr kamen wir dann los. Martin und Ronny saßen noch beim Müsli Frühstück. Wir sind durch das Tal des Rio Valcarce immer an der N VI entlang. Diese Streckenführung ist im Wanderführer als nicht sehr angenehm zu gehen beschrieben. Uns hat es nicht sehr belastet. Von der Strasse wird der Pilgerweg durch eine Betonbarriere getrennt. Verkehr war auch nicht da, nur nebenan auf der Autobahn. Außerdem ist der Boden gelb angemalt und hilft dem Pilger auf der rechten Spur zu bleiben. Nach zwei Stunden haben wir in Trabadelo in einem Truckertreff gefrühstückt. Zum ersten mal haben wir uns was Gutes gegönnt: Geröstetes Brot als Toast, Schinken und zwei Spiegeleier. Lecker und kräftigend für den folgenden Weg.

Weiter ging es, immer am Fluss entlang in der langsam wärmenden Sonne. Gegen 12.00 Uhr habe ich die Beinlinge und den warmen Pullover eingepackt. Die ersten spürbaren Steigungen hatten wir ab 13.00 Uhr hinter uns gebracht und haben anschließend in La Faba mit süßem Kuchen und CcL eine Pause verbracht. Die Wege bis hierher waren auch nicht die Besten. Zu Zeiten der frühen Pilger war das Pflaster vielleicht noch etwas Besonderes. Für uns verwöhnte, moderne Pilger ist es nicht immer angenehm.

Ab La Faba wurden uns nur noch vier km bis O Cebreiro angezeigt. Die hatten es aber in sich. Zum Glück machten die Temperaturen mit. Die Steigungen waren bereits richtig steil, boten aber auch im Rückblick immer wieder schöne Ausblicke. Kurz vor Cebreiro steht dann der erste Hinweisstein und markiert alle 500 m die Entfernung bis Santiago. Ab der galizischen Grenze sind es noch 152,5 km.

Um 14.30 Uhr waren wir in Cebreiro und haben Rolf eine SMS nach Hause gesandt, damit er die Wandergruppe informiert. Wir haben uns dann zum verabredeten Zeitpunkt vor dem grünen Flaschencontainer im Erfassungsbereich der Webcam platziert und mussten nach einigen SMS und dem abschließenden Telefonat feststellen, dass die Bilder ca. vier Minuten auf einem Server und im Netz unterwegs sind. Also nichts mit Live-Bild. Aber die Wandergruppe hat uns gesehen und das ist die Hauptsache.

In der Gemeindeherberge haben wir uns eingerichtet und sind in die nahe gelegene Taberna gegangen um Einlaufbier und Tagebuch zu zelebrieren. Martin und Ronny kamen auch und fragten uns wie sie Kuchen bestellen müssten!!???

Wir haben uns anschließend das Dorf angeschaut. Die Steinhäuser waren bis vor ein paar Jahren alle leer und drohten zu verfallen. Die Bezirksregierung hat dann mit Hilfe von Jugendprojekten fast alles saniert und die Bevölkerung animiert, wieder zurück zu kommen. Touristisch ist es mittlerweile ein Anziehungspunkt.

Wir haben in einer Tienda, die nur über einen Andenkenladen zu erreichen ist, noch eine Chorizo und eine Flasche Wein für das Nachtessen gekauft.

Das Menü de dia haben wir wegen Ermangelung von Küchenausrüstung in der Taberna einnehmen müssen.

Die Galizischen Herbergen sind alle mit Küchen ausgerüstet, haben aber keine Töpfe und Pfannen etc. Das bedeutet, dass man auf den letzten 150 km, nur noch in den Tavernen oder Restaurants essen kann.

Es gab einen reichhaltigen leckeren Salt und Chuleta con patatas. Das Chuleta waren zwei natur gebratene Kotelett mit Kartoffeln. Es war ganz gut, da wir lange kein Fleisch gegessen hatten. Anschließend haben wir in der leeren Küche der Herberge mit Ronny und Martin noch ein wenig zusammen gesessen.

Um mit den Worten von Emil den Tag zu beschließen: “Wir sind um halbig zähn in den Sack.“

 

 

19.04.2006                                                       21. Wandertag

 

O Cebreiro – Sarria                        38 km

 

Keine Mobilmachung, dafür Wecken mit Musik. Der Bettnachbar von Olli hatte sein Handy als Wecker eingesetzt. Er fand aber, als die Musik losging, weder seine Brille noch das Handy. Es war aber auch schon 06.45 Uhr. Um 07.30 Uhr gingen wir los und hatten erstmals Orientierungsprobleme. Wir sind erst mal 300 m auf dem richtigen Weg gegangen, waren uns dann aber nicht sicher, ob der Weg wirklich auf dieser Strasse ist. Also gingen wir wieder ins Dorf zurück und fragten den ersten “Einheimischen“. Das war aber ein Italiener, der auch den Weg suchte. Wir sind dann wieder zur Herberge zurück und da kam uns ein Spanier entgegen, der uns die zwei Möglichkeiten der Wegführung zeigte. Wir haben dann die einfachere, auf der Nationalstrasse gewählt, die sich nach drei km wieder mit dem anderen Weg vereinigt. Nach einer guten halben Stunde waren wir schon auf dem ersten Pass des Tages. Der Alto de San Roque ist 1270 m hoch. Um 08.30 Uhr haben wir in Hospital in einer sehr schön renovierten Meson ein Frühstück eingenommen. Die Dörfer sind typisch für diesen Landstrich, aus Feldsteinen gebaut. Typisch ist auch, dass die Dorfstrassen wohl nur vom Regen oder den Bächen, die ab und zu mal Hochwasser führen, gereinigt werden. Man muss auf jeden Fall schon konzentriert den Kuhfladen ausweichen. Um 09.16 Uhr kamen wir auf dem Alto de Poio an, 1337 m hoch. Das war dann fürs erste der letzte echte Pass. In Fonfria, einem Straßendorf, wurden wir am Ortsausgang von einer Bäuerin, die gerade vom Wohnhaus in den Stall wechselte, gebeten einen Moment zu warten. Sie kam aus dem Wohnhaus zurück und präsentierte auf einem abgedeckten Teller einen großen Stapel leckere Crepes-ähnliche Pfannkuchen. Mit oder ohne Zucker, je nach Wunsch. Natürlich erwartete sie dann ein Donativo. Sie kannte auch das deutsche Wort für ihr “Geschenk“ an die Pilger. Wir haben ihr einen Euro gegeben und bekamen, nachdem sie fragte wie viele Pilger noch kämen, Grüße mit auf den Weg.

Der weitere Weg bestand aus Hohlwegen und Viehtriebspfaden und ging hügelauf und hügelab durch eine sehr schöne Landschaft. Mittagspause haben wir mit Martin und Ronny in Tricastela auf einem Dorfplatz mit Spielgeräten gehalten. Da waren wir von den Höhen schon wieder auf 670 m hinab gestiegen. Es gab Tomaten, Wurst und Brot. Dann ging es weiter, wieder über eine kleine Höhe von 900 m, durch kleine Bauerndörfer und über alte Dorfverbindungsstrassen, die Corredoiras. Steinig, steil bergab und bergauf und durch den Viehtrieb teilweise sehr matschig. Um 16.00 Uhr waren wir dann endlich in Sarria und wurden auf dem Weg zu der Herberge die schon sehr früh an der Einfallstrasse geworben hatte, von einer jungen Dame in ihre Herberge umgelenkt. Es schien so, als ob diese beiden Herbergen, die in einer Strasse liegen, sich gegenseitig die Gäste wegnehmen. Uns war es egal, wo wir ein Bett fanden. Das Haus war sehr ordentlich und sauber, mit Küche und Waschmaschine. Wenn wir gewollt hätten, wäre auch ein Zimmer mit zwei Betten zu haben gewesen. Aber wir waren mit dem Standardangebot zufrieden. Bis auf die Pleite in Rabe de las Calzadas sind wir immer gut untergekommen. Nach Duschen und Waschmaschine unter Anleitung anstellen sind Olli und ich in ein Internet-Cafe und haben den Rückflug und einen Mietwagen gebucht. Ryan-Air am 27.04.2006 bis Frankfurt-Hahn. Dann haben wir uns mit Martin und Ronny im Supermarkt getroffen und für das Abendmenü eingekauft. Grüner Salat mit Tomaten und Thunfisch, Pellkartoffeln mit Soße und Pilgerblut. Um 20.20 Uhr sind wir dann nach nebenan in die Bar gegangen und haben Fußball Champions League geschaut.

 

 

20.04.2006                                       22. Wandertag

 

Sarria – Hospital de la Cruz                       36 km

 

Die Radfahrer machten um 06.30 Uhr mobil. Da waren wir auch schon wach. Wir haben, da genug Platz im Raum in aller Ruhe alles gepackt und mit Ronny und Martin in der Küche gefrühstückt. Am Vorabend hatten Ronny und Martin entsprechend eingekauft, so dass wir Toast mit Marmelade essen konnten. Kaffee oder ein anderes Heißgetränk ging nicht weil das Gas abgestellt war. Das ist uns häufig passiert und ist wohl eine Sicherheitsvorkehrung.

Gegen 08.00 Uhr sind wir aus dem Haus und über schöne, teilweise auch wieder matschige Wege gewandert. Die Corredoiras werden durch die Pilger wieder begangen und nun auch von der Bevölkerung wieder angenommen. Nach zwei Stunden hatten wir den Stein mit der magischen 100 km Markierung erreicht. Leider gibt es auch hier Schmierfinken. In dem folgenden Ort Brea ist die Bar Casa Mogade für mögliche Feiern zum Abschied der dreistelligen Entfernung eingerichtet. Wir haben uns mit einem großen CcL und einem Espanada con Tuna y pimenta belohnt. Die Wege wurden nicht unbedingt besser, sie waren durch den Viehtrieb sehr matschig, dafür wurde die Landschaft aber schöner. Mittags waren wir in Portomarin und haben uns die zwangsumgesetzten Häuser der alten Stadt angeschaut. Dort machten wir wieder Pause in einer Bar mit CcL und Kuchen. Wir gehen gerne in eine Bar.

Dann ging es im Sonnenschein weiter durch Hohlwege und kleine Bauerndörfer mit dem üblichen Schmuck auf der Straße. Kamelienbäume und Büsche, Stechginster und hoch wachsende Heide an der C 535 machten den Weg angenehm. In den Dörfern wird selbst bei neuen Häusern der traditionelle Horreo, der Maisschober, gebaut. In Hospital, einem Dorf, das keine Tienda hat, ging plötzlich am Ende des langen Tages eine Frau neben uns her und stellte sich als Hospitalero vor. Sie war auf dem Weg zur Herberge. Vor dieser warteten schon ein Australier und ein Kanadier. Wir waren im Moment die einzigen Gäste und konnten uns die Betten aussuchen. Dann füllte sich aber das Haus in Windeseile. Es wurde auch Zeit, da der Himmel sich schnell bezog und es anfing zu regnen. Wir waren zum ersten Mal in einer Junta-Herberge, die wie der Kanadier ausführte, alle gleich zugeschnitten sind. Sie sehen auch von außen wie ein Standardhaus aus. Unten gibt eine Küche ohne Geschirr, eine Waschmaschine für € 4,40 und der Wäschetrockner für € 4,00 für 4 kg. Unterkunft gegen Spende. Bei diesen Preisen sollte man, wenn es machbar ist, in eine private Herberge gehen. Dort herrscht ein Festpreis von € 5 – 6 für die Übernachtung und € 2 – 3 für die Waschmaschine. Außerdem gibt es bei den Privaten auch noch Waschmittel dazu und häufig eine gut ausgestattete Küche. Galizien ist eben anders mit seinen Herbergen. Außerdem wollen die Dörfer auch verdienen. Da viele Spanier nur die letzten 100 km wandern, das reicht für die Compostela, ist dies verständlich. In der einzigen Dorfbar nebenan haben wir das Tagebuch geschrieben. Hier sollten wir auch Abendbrot essen da die Auswahl auf dieses Lokal begrenzt war. Als wir beim Tagebuch schreiben waren, kamen zwei deutsche Damen in die Bar und fragten tatsächlich, ob der Fernseher ausgeschaltet werden könne. Sie fühlten sich in ihrer Entspannung gestört. Die junge Frau an der Bar kam dieser Bitte tatsächlich nach.

Das Abendbrot bestand aus einer Suppe mit Kartoffeln und Stielkohl. Das ist das Gemüse der Region. Nirgendwo haben wir solche Mengen Kohl in den Hausgärten gesehen wie hier. Als Hauptgang aßen wir ein leckeres Fischfilet.

Wir konnten für € 3,- noch eine Flasche Wein erstehen und sind damit in die Küche der Herberge gezogen um an meinem Radio eventuelle Fußballnachrichten für Olli und Martin zu hören. Bei der Deutschen Welle waren aber keine aktuellen Sportnachrichten zu empfangen. Um 22.15 Uhr sind wir in die Säcke.

 

 

21.04.2006                                                       23. Wandertag

 

 

Hospital – Melide                             27 km

 

Während der ganzen Nacht gab es Sturm und Regen. Daher war es keine gute Nacht. Olli und ich haben um 07.00 Uhr mobil gemacht. Als wir  um 07.40 Uhr aus dem Haus gingen war es zwar trocken und teilweise klar aber noch recht dämmerig. Gegen 10.00 Uhr sind wir ohne Regenzeug gegangen. Olli hatte seinen Poncho wieder übergezogen und stellte dann fest, das seine Regenjacke wohl noch in Hospital in der Bar hängt. Es begann dann auch sofort zu regnen mit Wind aus Süd. Bis Palas de Rei wollten wir aber durchhalten. Dort haben wir in einer netten, warmen Bar 45 Minuten Pause gemacht. Der Wirt machte zwar einen mürrischen Eindruck, hat uns aber eine Tortilla francese gebacken. Dazu gab es den obligatorischen heißen Trank. Nach dieser Pause ging es aber erst richtig los. Für die folgenden drei Stunden hat der Regen uns richtig gebeutelt. Von der schönen Landschaft und den idyllischen Bauerndörfern, verbunden durch die Corredoiras, haben wir nur in den aufreißenden Regenschwaden etwas gesehen.

Kurz vor Erreichen des Tageszieles, Melide, wurde es dann ein wenig besser und der Regen ließ nach. Am Eingang zu Melide, in der kleinen Ortschaft San Juan de Furelos, wurden wir von einem Priester förmlich in seine kleine Kirche hineingerissen. Er drückte uns zwei Stempel in den Credential und hielt uns einen flammenden Vortrag in kräftigem spanisch über die Kreuzigungsfigur seiner Kirche. Die rechte Hand Jesu weist nach unten, was manche Deutung zulässt. Schlussendlich hat der Priester sich sehr über unsere Spende gefreut und wir sind mit neuen Stempeln weiter gezogen. Kurz vor dem Ortseingang sahen wir dann noch einige große Granitblöcke mit Namenstafeln des Orde de Caballeros y Damas del Camino de Santiago. Dann überholte uns Ming Neil aus Kanada und marschierte zügig voraus. Ein spanischer Peregrino half uns die Herberge zu finden. Leider sind in manchen größeren Orten die Hinweise nicht mehr zu sehen. Autos stehen auf den Gehwegen oder im Schilderwald sind sie nur schwer zu erkennen. Während dieser Orientierung schloss Ming sich uns an und ging mit bis zur Herberge. Die Herberge war gar nicht so schmutzig und schimmelig wie im gelben Buch beschrieben. Sie war einfach offen und unbewacht. Wir haben uns Betten gesucht und die Räumlichkeiten besichtigt. Die Waschmaschine war galizisch teuer, der Wäschetrockner war dafür akzeptabel. Gewaschen haben wir wieder mit Kernseife und meine Kleider hatte ich nach 30 Minuten im Wäschetrockner zurück. Olli verlässt sich da eher auf die Heizkörper. Wir haben uns anschließend zum Tagebuchschreiben in einen Aufenthaltsraum im Untergeschoß zurückgezogen. Dort gab es bequeme Sessel und Sitzecken mit Kamin -aber leider ohne Feuerholz. Die kühlen Temperaturen haben aber nichts ausgemacht. Ein Spanier, kein Pilger und auch nicht der Hospitalero, lag gemütlich schlafend auf einer Sitzgarnitur und ließ sich durch uns und auch durch andere, die sich unterhielten, nicht stören. Irgendwann hat ihn seine innere Uhr wohl geweckt oder er hatte Hunger. Auf jeden Fall ist er aufgewacht, hat sich umgeschaut, buenas dias gewünscht und ist gegangen. Olli und ich haben gerätselt, wer er war und welchem Beruf er wohl nachgeht. Aus unserer langjährigen Erfahrung als Mariner an Land und auf See sind wir zu dem Ergebnis gelangt, dass es sich nur um einen Angestellten der Stadt oder Provinz handeln konnte, der an diesem Nachmittag wichtige Termine hatte. Das Wetter wurde nicht unbedingt besser, aber mit einem warmen Pullover geht es auch. Martin und Ronny trafen  auch irgendwann ein und wir sind in die Stadt gelaufen um einen Kaffee zu trinken. Bei diesen Temperaturen muss es etwas heißes sein.

Um 19.00 Uhr sind wir zu Ezequiel gegangen. Es ist weit und breit bekannt und beherbergt an manchen Wochenendtagen hunderte von Gästen. Hier gibt es nur Pulpo. Die Dame des Hauses kocht den riesigen Tintenfisch in Kupferkesseln und schneidet dann die mundgerechten Stücke mit einer Schere. Dazu gibt es trüben, ungefilterten Weißwein. Es schmeckte mir sehr gut. Wie die Einschätzungen der übrigen Teilnehmer waren, kann und will ich nicht bewerten. In der Herberge haben wir uns später noch mit einem jungen Mann aus Dresden unterhalten der sich einem tasmanischen Paar angeschlossen hatte, die sein Tempo gingen.

 

 

22.04.2006                                                                              24. Wandertag

 

 

Melide – Pedrouzo              33 km

 

Die Nacht war fürchterlich unruhig. Irgendwelche jungen Leute liefen ständig hin und her und leuchteten mit Taschenlampen. Zum Glück halfen mir wieder meine Ohrenstopfen. Morgens lagen in dem Bett über mir zwei Leute.

Um 07.45 Uhr sind wir aus dem Haus gegangen und haben einen wunderschönen Morgen gehabt. Der Regen des Vortages hatte sich selbst ausgewaschen und begrüßte uns mit Sonnenschein und Temperaturen und Gerüchen wie im Sommer zu Hause.

Die Landschaft war friedlich und wir wanderten durch Dörfer mit schönen Wegen bergauf und hügelab. Wir gingen durch kleine Siedlungen mit den schon bekannten grünen Fladen auf den Straßen und die immer wieder kläffenden Hunde. Manchmal haben wir die Bachläufe auf Trittsteinen überquert und sind durch Eukalyptuswälder und Pinienhaine gewandert. Es war einfach nur schön. Gegen 10.30 Uhr haben wir die erste Pause in Arzua gemacht. Es gab das übliche Frühstück bis wir gegen Mittag Martin überholten. Er hatte sich an einem Hinweisschild verlaufen und war nun auf dem Weg, Ronny einzuholen. Sie hatten sich gegen Mittag verabredet. In Salceda, unserem geplanten Rastpunkt auf der halben Nachmittagsstrecke, saß dann auch wie verabredet Ronny in der Sonne. Er war auch noch nicht lange da und wir haben die verdiente Pause genossen.

Die letzten km bis Pedrouzo Arca sind wir  im lockeren Verband gegangen. Die Herberge war zwar geöffnet, aber nicht durch Hospitaleros besetzt. Wir haben uns eingerichtet und die Nachbarschaft erkundet. Gleich nebenan war der Supermarkt für die Verpflegung. Er hatte noch geschlossen – klar, bis 17.00 Uhr ist überall Siesta. Eine Jugendgruppe, die wir in den letzten beiden Tagen schon gesehen hatten, sollte hier wohl noch einfallen. Auf jeden Fall waren einige Betreuer mit den Pilgerausweisen und dem Serviceauto schon vor Ort. Voranmeldung gibt es also doch. Wir sind ein wenig spazieren gegangen und als wir zurückkamen lagen die lädierten jungen Leute schon auf dem Rasen und bejammerten ihre Blessuren. Manche hatten auch mitleiderregende Gehprobleme. Sie waren aber trotzdem sehr laut und zogen dann plötzlich alle in das Dorf. Gegen 22.00 Uhr kamen sie zurück und bekamen ein Abendbrot serviert. Dies alles widerspricht zwar dem Pilgergedanken, aber sie sind auf jeden Fall unterwegs gewesen.

Wir haben Abendbrot in einer Bar gehabt und sind ohne Störungen ins Bett. Die Jugendlichen waren im Obergeschoß untergebracht.

 

 

23.04.2006                                                       25. Wandertag

 

Pedrouzo – Monte Gozo                             16 km

 

Der letzte Tag mit einer Entfernung, die Wanderung genannt werden kann. Wir sind um 08.00 Uhr losgegangen, schließlich hatten wir viel Zeit. Zu dieser Zeit fingen die Betreuer der Jugendlichen mit der Vorbereitung des Frühstücks an. Es war nebelig und kühl aber angenehm zu gehen. Wir wollten schlendern und einen richtig gemütlichen Schritt gehen. Das ist aber schwer, wenn man vier Wochen lang immer frisch ausschreitet und plötzlich nur verhalten gehen soll. Wir haben dann in einem kleinen Ort, San Paio, nach 10 km gefrühstückt. Es gab kalte Eierpfannkuchen mit Kartoffeln und Paprika, dazu CcL. Wir nutzten die Zeit und sind erst nach einer Stunde weiter. Die Landebahn des Flughafens Lavacolla kam in Sicht und wir haben gedacht, bei nächster Gelegenheit wieder eine Pause zu machen. Das dauerte aber doch länger als erwartet, weil am Sonntagvormittag auch in Spanien alles anders ist. Also mussten wir bis San Marcos gehen, um uns stärken zu können. In einem Restaurant an der Hauptstrasse gab es eine halbe Racion Pulpo und nach 12.00 Uhr das erste und einzige Bier während eines Wandertages. Olli unterhielt sich mit zwei Herren am Nebentisch, die vor Jahren in Deutsachland gearbeitet hatten. Einer ist auch in Bremen als Werftarbeiter gewesen.

Dann sind wir über einen Hügel gewandert und waren plötzlich auf dem Monte Gozo. Ein Pilgerdenkmal das weithin sichtbar ist, zeigt auf großen Bronzetafeln die Pilgerschaft von Papst Johannes Paul II. Ein riesiger Komplex mit Unterkünften als Jugendherberge mit einem Block für Pilger ist dort an den Berg gebaut worden. Wir sind zum unteren Eingang marschiert und mussten dann über Treppen den Berg wieder hoch bis zum Pilgerblock. Um 13.30 Uhr war auch der Hospitalero angekommen und wir konnten einchecken. Eine knappe halbe Stunde habe ich mich in die Sonne gelegt und bin anschließend mit Olli in den Vorort von Santiago gegangen. Wir wollten eine Tienda suchen da im Komplex nur Selbstbedienungsautomaten, eine Cafeteria und ein Selbstbedienungsrestaurant geöffnet waren. In San Lorenzo sind wir nicht fündig geworden. Dort haben nur ein Bier getrunken und waren gerade auf dem Rückweg als wir von einer Dame an ein Pulporestaurant mit einer angeschlossenen kleinen Tienda verwiesen wurden. Dieser Laden hatte direkten Zugang zum Restaurant. Zuerst erstand ich ein Brot, dann fragten wir nach Vino Tinto und der Kellner sagte, dass er aber für eine Flasche € 1,50 nehmen müsse. “Ok“, haben wir gesagt, “wir nehmen zwei Flaschen“. Er verließ uns und kam nach geraumer Weile mit zwei 1,5l Plastikflaschen, gefüllt mit Hauswein zurück. Zum Glück hatten wir wie immer unsere Einkaufsbeutel dabei.

Zum Abendbrot sind wir mit Ming, Ronny und Martin gegangen. Das Self-Service Restaurant öffnete erst um 20.30 Uhr. Wir wollten nicht die Treppen noch mal hoch und sind daher in der Bar geblieben und haben dort gewartet. Der Heimvorteil des Restaurants wurde ausgenutzt. Menü für € 8,– ohne Wein und Wasser. Wein brauchten wir auch nicht, aber das Wasser war bisher immer im Preis enthalten. Die Suppe war genauso gut wie der Fisch. Wir haben danach noch ein bisschen zusammen gesessen. Ming erzählte von ihren zwei Berufen und als Olli hörte, dass sie im Sommer als Park-Ranger arbeitet konnte er plötzlich englisch.

Um 22.15 Uhr sind wir dann in die Falle.

 

 

24.04.2006                                                       26. Wandertag

 

 

Monte de Gozo – Santiago de Compostela                    4 km

 

 

Um 07.00 Uhr ging der Wecker des Schotten und wir haben alle mobil gemacht. Die sanitären Anlagen sind doch renovierungsbedürftig, aber wir haben uns ja an die Badelatschen in den Duschen gewöhnt.

Start war um 08.00 Uhr, zwar war es neblig und kühl aber wir gingen voller Erwartung los. Im ersten Haus mit Bar haben wir gefrühstückt. Dann mussten wir uns konzentrieren, um Martin nicht aus dem Blick zu verlieren. Er hatte sein persönliches Ziel fast erreicht und nun den Turbo eingeschaltet. Nach seinem Plan zählte er uns die Restentfernung vor und führte uns in die Stadt zur Kathedrale. Ming holte uns ein und bat uns, den Rest des Weges mit uns gehen zu dürfen. An der Kathedrale angekommen, sind wir erst zum Pilgerbüro gegangen um uns die Urkunde ausstellen zu lassen und Informationen über die Stadt zu erfragen. Das klappte alles wie am Schnürchen. Wir waren rechtzeitig dort und hatten den Zeitpunkt gut gewählt. Uns wurde aber nicht gesagt, dass die Pilgerherberge erst um 16.00 Uhr öffnet. Wir sind also vom Berg ins Tal und auf der anderen Seite wieder hoch marschiert und dort angekommen nach kurzer Pause wieder zurück gegangen. Das Gepäck haben wir dann für € 1,- im Pilgerbüro untergestellt und sind unter Martins Führung zur Pilgertour durch die Kathedrale aufgebrochen.

Pünktlich zum Beginn der Pilgermesse um 12.00 Uhr hatten wir alles erledigt und konnten beim genauen Hinhören auch erfahren, dass drei deutsche Pilger vom Somportpaß heute angekommen waren. Olli und ich gehörten dazu. Es war schon ein besonderes Gefühl.

Da die Messe nicht nur von Pilgern besucht wird, ist die Bestuhlung gut gefüllt. Was stört, sind die Touristengruppen die weiter durch das Kirchenschiff geführt werden und keine Rücksicht auf die “Gläubigen“ nehmen, die sich aus höheren Beweggründen dort aufhalten.

Zum Abendmahl reihte sich Martin in den nicht enden wollenden Strom ein. Wir haben geduldig auf ihn gewartet und sind dann wieder durch die Gassen geschlendert. Nun war unsere Pilgertour eigentlich beendet. Wir haben uns mit Ronny und Martin für den Nachmittag verabredet und sind zur Tourist-Info gegangen um nach einem Hostal zu suchen. Pilgerherberge wollten wir jetzt nicht mehr.

Wir haben dann mit dem Hostal Suso gleich in der Nähe der Kathedrale eine gute Unterkunft gefunden – schönes Zimmer mit eigener Dusche, Bettwäsche, Handtüchern und einfach nur gut. Nix mehr Schlafsack und Schlafsaal.

Am Nachmittag haben wir mit Martin und Ronny auf dem Praza do Obradoiro vor der Kathedrale vereinbart, das Abendessen im Hotel de los Reyes Catolicos einzunehmen. Dieses Parador-Hotel war früher die Pilgerherberge und ermöglicht heute noch jeweils zehn Pilgern, Frühstück, Mittag oder Abendessen einzunehmen. Man muss sich nur anstellen und wissen wo. Ich ging also zum Pförtner und habe gefragt. Er zeigte mir den Platz und wir haben uns 45 Minuten vorher, angestellt. Plötzlich waren wir schon mehr als 10 Leute und der Parkplatzwächter gab einer Spanierin einen Zettel mit dem sie uns unter ihre Fittiche nahm und zum Pförtner führte. Dieser brachte uns durch einige Innenhöfe des Hotels am Speiseraum für Pilger vorbei zur Küche. Dort wartete schon der Koch und füllte uns die Teller auf den bereitgestellten Tabletts. Es gab eine gute Suppe mit Reis, Hühnerfleisch und Paprika, Salat und Kartoffeltortilla. einen Apfel als Nachtisch und 3 große Flaschen Wasser sowie 3 Flaschen Hauswein. Jens, Martin, Olli und ich, drei junge Frauen, die in Portugal studieren und sich als zwei Deutsche und eine Schweizerin zu erkennen gaben unsere Führerin und die beiden anderen Damen aus Spanien. Das Essen war lustig und alle haben sich gefreut, dass gerade sie dieses Glück hatten.

Nach dem Essen sind wir zur Pilgerherberge gegangen um uns auch von Ronny zu verabschieden. Er hatte wegen Magenproblemen auf das Essen verzichten müssen. Wir haben unsere Vorräte ergänzt und sind noch ein wenig um die Häuser gezogen. Als wir in unserem Hostal noch ein Schlafbier nahmen, ist Uli aus Kempten auf uns aufmerksam geworden. Er hatte sich am Mittag beim Aufstehen in einem Straßencafe mit dem Fuß in einem Rucksackgurt verfangen, war hingefallen und hatte sich die Hand verletzt. Er wollte aber trotzdem zu Fuß nach Finisterra.

Um 22.30 Uhr sind wir ins Bett gegangen.

 

26 Wandertage – 847 km   =   32,5 km Tagesschnitt

 

 

25.04.2006                                                       27. Tag

 

Wir haben sehr gut geschlafen und morgens mit richtig heißem Wasser geduscht. Um 07.45 Uhr gingen wir aus dem Haus und gemütlich zum Busbahnhof. Frühstück gab es in einer Bar und an einem Schalter haben wir die Busfahrkarte mit Rückfahrt gekauft.

Abfahrt war um 09.45 Uhr. Wir sahen sehr wilde Landschaft mit Eukalyptuswäldern und weiterhin die typischen galizischen Bauerndörfern. Ronny und Martin wollten nach Fisterra gehen. Wir wünschten ihnen gute Beine. Um 11.30 Uhr waren wir in Cee und haben schon das Meer gesehen. Der Busfahrer hatte eine gute Zeit herausgefahren und verordnete 15 Minuten Pause. Eine SMS von Ronny: er sitzt auf der Toilette und Martin ist erst mal alleine los. Er will dann mit dem Bus nachkommen. Da Martin kein Handy dabei hat, möchten wir bitte eine e-mail an ihn schreiben und ihn informieren. Das haben wir dann abends gemacht. Um 12.00 Uhr waren wir in Fisterra und haben uns in der Herberge, die auch Tourist-Info ist, einen Stadtplan geholt. Buspilger werden strikt nicht aufgenommen. Das wollten wir auch nicht. Am Hafen haben wir in der Sonne einen Imbiss in der Bar Pirata genommen und vom Personal die Hostals im Stadtplan eintragen lassen. Gleich die erste Adresse hat uns zugesagt. Hospedaje Lopez. Ein Haus mit 4 Etagen, alle mit Seeblick und die Chefin hat alles im Griff. Ihr Mann und ihr Vater oder Schwiegervater sitzen im Untergeschoss und knüpfen Netze, während sie alles sauber hält und die Möbel rückt. Zwei Nächte, zwei Personen, Zimmer mit Balkon € 44,-. Wir haben uns eingerichtet und sind durch die Gassen gestreift um das Dorf anzuschauen. Um 16.30 Uhr ging unsere Orientierung Richtung Barbier. Wir brauchten drei Versuche bis wir von Yolanda eine Zusage bekamen. Leider hatte ich die Fotokamera nicht dabei. Abends waren wir in einem Restaurant und haben uns dort ein Fisch-Menü zusammengestellt, das sich beim Bezahlen der Rechnung auch nicht als teurer erwies als das Menü de dia. Vielleicht hat sich der Wirt aber, wie uns schon öfter passierte, verrechnet.

Ronny hatte eine SMS geschickt, dass er im 30 Minuten-Takt auf die Toilette muss. Hoffentlich liest Martin die e-mail.

 

 

26.04.2006                                                       28. Tag

 

 

Gang zum Ende der Welt

 

Heute Nacht haben wir sehr gut geschlafen und gingen morgens mit leerem Rucksack in den Ort um für ein Picknick einzukaufen. Absprachegemäß haben wir vorher den Beutel mit der Wäsche in den Vorraum gestellt. Senora Lopez wollte für uns waschen. In der ersten Bar sprach uns der Wirt beim Frühstück auf deutsch an. Er war als Seemann auf einem Kreuzfahrer einer Hamburger Reederei gewesen. Er hat auch noch einen Freund im Ruhrgebiet, der als Ingenieur bei Thyssen arbeitet. Umschichtig besuchen sie sich. Daher hat er zu Ollis Freude Bierdeckel um die Theke trocken zu halten. Das Bier wird sogar in Steingutkrügen serviert. Aber das wollten wir uns für den Abend aufheben. Im Hintergrund hörten wir Musik von Roger Wittacker auf deutsch.

Der Wirt gab uns den Rat, erst zum Strand zu gehen um Jakobsmuscheln zu suchen und forschte gleich in der Zeitung nach den Tidezeiten. Es passte gut und wir sind erst in die andere Richtung zum Strand und haben eine halbe Stunde lang Muscheln gesucht und gefunden. Um 09.30 Uhr sind wir dann wieder zurück und haben für das Picknick eingekauft. Man weiß ja nicht, wie es am Ende der Welt aussieht. Um 10.00 Uhr waren wir an der Kirche Santa Maria de la Virxe de las Areas und mussten leider weiterziehen. Die Kirche war noch verschlossen: Ein eindrucksvoller Sandsteinbau, teilweise schon stark durch den rauen Wind angegriffen. Wir gingen also weiter Richtung Westen. 20 Minuten später waren wir schon bei einem Stein der als Markierung eine Muschel trägt und die km-Angabe 0,00 trägt. Das war’s.

Gegen 11.00 Uhr haben wir, nachdem wir uns das Ende genau angeschaut haben, auf der Terrasse des leider geschlossenen Hotels unser Picknick ausgepackt. War doch eine gute Idee mit dem Einkauf. Wir sind danach gestärkt wieder zurück ins Dorf. Auf dem Weg trafen wir den Uli aus Kempten, der nach einem Tag Wandern mit seiner Verletzung den Bus vorgezogen hat. Er war auch in unserem Hospedaje untergekommen. Endlich war dann auch die Kirche geöffnet. Wir mussten durch die Sakristei und ich habe ein paar schöne Fotos gemacht. Hier war auch für mich endlich die Gelegenheit, ein Kerze anzuzünden. Leider elektrisch, aber damit ist dann auch eine Spende verbunden.

Pünktlich zu Ronnys Eintreffen mit dem Bus waren wir dann im Ort und konnten ihm live zum Geburtstag gratulieren. Den Kanadier und Ronny habe ich auch noch bei Senora Lopez untergebracht. Im Moment waren noch nicht so viele Pilger im Ort und sie hat sich sehr gefreut.

Nachmittags bin ich alleine zum Strand gegangen um zu baden. Das Wasser war zwar noch recht kühl aber im Atlantik, bzw. einer Bucht mit Atlantikwasser kann man nicht alle Tage baden. Ich konnte dort auch meine sonnenbrandschuppige Haut an den Unterarmen einem Sandpeeling unterziehen. Danach bin ich  durchs Dorf geschlendert und einfach nur faul gewesen. Abends haben wir dann die Reste des Picknicks auf dem Balkon zu uns genommen und sind um 20.30 Uhr zum Fußball in die Bar gezogen. Olli ging früher zurück und ich bin mit Ronny bis zuletzt geblieben. Barcelona war weiter und als wir die Bar verließen, haben die Spanier dies mit Böllern gefeiert.

 

 

27.04.2006                                                       29. Tag

 

Fisterra – Santiago – Frankfurt Hahn – Erndtebrück

 

Um 07.00 Uhr sind wir aufgestanden, haben die Rucksäcke geschnappt und sind zur Bar gegangen um zu frühstücken. Der Bus brachte uns um 07.50 Uhr nach Santiago. Im Busterminal von Santiago haben wir noch ein kleines Stück Tortilla genommen und sind dann weiter mit dem Bus zum Flughafen. Irgendwo mussten wir die Zeit verbringen. Der Flieger startete pünktlich und war 30 Minuten früher als geplant in Hahn. Das Auto war schnell abgeholt und dann ging es durch den Hunsrück Richtung Siegerland. Um 21.30 Uhr waren wir bei meiner Mutter und haben nach deutschen Verhältnissen ein spätes Abendbrot eingenommen. Anschließend tranken wir mit Bruder Norbert in seiner Gartenbar das Einlaufbier und dann gingen wir ins Bett. Am nächsten Morgen habe ich bei Metzger-Müller Hackepeter geholt und beim Bäckerfritz die leckeren Brötchen dazu. Nach einem ausgiebigen Frühstück und noch ein bisschen Schwätzen mit meiner Mama sind wir aufgebrochen und waren gegen 16.00 Uhr wieder zu Hause.

 

 

 

 

 

Fazit:

Wer sich ernsthaft mit einer Pilgerreise beschäftigt, sollte ausreichend trainieren, besonders mit Gepäck an aufeinander folgenden Tagen und wirklich überlegen was unbedingt in einen Rucksack gehört. Brauche ich dies oder das tatsächlich? Ich habe zum Beispiel während der gesamten Zeit nur ein großes Stück Kernseife für alle Wäschen gebraucht und meine Haut hat nicht gelitten. Deo braucht keiner. Zeit muss unbedingt ausreichend vorhanden sein. Unter Druck macht wandern keine Freude und ist kontraproduktiv. Wenn die Zeit nicht ausreichend ist brauch es  nur der kurze Weg sein. Während des Tages sollte man alle Angebote des Ausruhens und Erholens annehmen. Kirchen und Kapellen sind fast alle geöffnet. Dort findet man immer ein paar Minuten für Ruhe und Entspannung. Die beste Wanderzeit ist ab Anfang April. Dann sind die Wege noch nicht so überlaufen. Für mich wäre es undenkbar im Sommer in der großen Hitze im Pulk zu gehen. Das Tagesziel sollte erst am Mittag festgelegt werden. Vorher kann man einfach gehen wie es der Körper zulässt. Was man am Vormittag schafft, bei rechtzeitigem Start,  ist meist dreiviertel des Tagespensums. Nachmittags kann man sich dann Zeit lassen. Aber trotzdem sollte man vormittags nicht hetzen. Wichtig ist es ausreichend Wasser mitzuführen und zu trinken. Wir hatten drei kleine Flaschen zu je 0,5 l immer mit Wasser aus den Dorfbrunnen gefüllt. Wenn eine der Flaschen leer war haben wir sie sofort bei nächster Gelegenheit wieder aufgefüllt.

 

Written on November 27th, 2006 , Allgemein, Blogroll

You must be logged in to post a comment.

Meine Wanderungen is proudly powered by WordPress and the Theme Adventure by Eric Schwarz
Entries (RSS) and Comments (RSS).

Meine Wanderungen